„Transparenzgesellschaft“ von Byung-Chul Han – ein Essay und seine Schwächen
„Kein anderes Schlagwort beherrscht heute den öffentlichen Diskurs so sehr wie die Transparenz.“ Schon der erste Satz des 80-seitigen Büchleins mit dem Titel Transparenzgesellschaft zeigt das Problem des gesamten Werks. Transparenz wird hier in seiner Wirkung und Wirkungsweise völlig überhöht, überschätzt und überphilosophiert.
Der Philosophieprofessor Byung-Chul Han beschreibt darin durchaus lesenswert und facettenreich das Horrorgebilde einer bereits existierenden Transparenzgesellschaft mit geradezu apokalyptischen, zerstörerischen Implikationen. Beispiele gefällig?
„Die Transparenzgesellschaft ist eine Hölle des Gleichen.“
„Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Fremde eliminiert. Dieser systemische Zwang macht die Transparenzgesellschaft zu einer gleichgeschalteten Gesellschaft.“
„Der Transparenzzwang nivelliert den Menschen selbst zu einem funktionellen Element eines Systems. Darin besteht die Gewalt der Transparenz.“
„Eine transparente Beziehung ist außerdem eine tote Relation, der jede Anziehung, jede Lebendigkeit fehlt.“
„Die Transparenzgesellschaft ist eine lustfeindliche Gesellschaft.“
Ein Philosoph muss nichts beweisen
Nun hat ein Philosoph das gestalterische Glück, nichts beweisen zu müssen. Erstaunlich bleibt jedoch, mit welcher Hartnäckigkeit die realen positiven Wirkungen von transparentem Handeln außer Acht gelassen werden und warum der Autor keine Toleranz für die wachsenden Bedürfnisse vieler Akteure nach mehr Transparenz in Politik und Wirtschaft aufbringt. Und diese auch nicht würdigt.
Pornografische, obszöne, ausbeuterische Gesellschaft?
Von der ersten bis zu letzten Seite wird vielmehr ein real existierender Zustand einer pornografischen, obszönen, ausbeuterischen Transparenzgesellschaft beschrieben. Dem muss entgegen gehalten werden, dass wir tatsächlich meilenweit von einer solchen Transparenzgesellschaft entfernt sind – und eine wie von Han beschriebene auch nie erleben werden. Vielmehr sind es doch die immer wiederkehrenden Probleme durch Intransparenz, die das Heute treffend beschreiben.
Intransparenz an der Tagesordnung
Es stimmt: Wir leben in vielerlei Hinsicht inzwischen im Zeitalter der Transparenz. Aber gleichzeitig eben auch in Zeiten, in denen Intransparenz noch immer an der Tagesordnung ist. Das EU-Mitglied Griechenland konnte über Jahre seine tatsächlichen Haushaltsdefizite vor den anderen Ländern der Gemeinschaft und vor abertausenden Bürokraten in Brüssel vertuschen. Die Katholische Kirche verheimlichte über Jahrzehnte das Ausmaß an pädophilien Priestern in den eigenen Reihen. Ein Investment-Banker und sein Freund, der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus, konnten an Parlament und Volk vorbei den EnBW-Milliardendeal abschließen. Lebensmittelkonzerne dürfen die Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel verschleiernd beschreiben. Atomkraftwerksbetreiber verschweigen noch immer Unfälle und Brände tagelang vor den Behörden und Anwohnern. Das ist doch die Realität.
Intransparenz führt zu Misstrauen
Aus solchen intransparenten Handlungsmustern erwuchs in den vergangenen Jahrzehnten das sinkende Vertrauen in die großen Institutionen Kirche, Staat und Wirtschaft. Und daraus erwächst die Sehnsucht vieler Bürger, dass durch mehr Transparenz wichtige Entscheidungen und Handlungen richtiger getroffen werden. Zu Recht weist ein anderer Philosophieprofessor, Ralf Konersmann, darauf hin, dass Transparenz ein atmosphärischer Begriff sei, der mit Gefühlen spiele. Ja, nämlich mit der Hoffnung, dass falsche Entscheidungen verhindert und richtige unterstützt werden können. Und mit dem Wunsch, dass man mit etwas mehr – und vor allem relevanten und wahren – Informationen fundiertere Entscheidungen in Bezug auf Auto, Turnschuhe, Arbeitsplatz, Lebensmittel, Urlaubsort, Airline, Restaurant, Schule, Wohnort, Klinik und so weiter treffen kann.
Transparenz ist Vertrauenstreiber
In unserer von zunehmendem Vertrauensverlust geprägten Gesellschaft kann freiwillige Transparenz eine bedeutende Aufgabe übernehmen: Die des Vertrauenstreibers. Wünschenswert ist, dass noch mehr gesellschaftliche Akteure diese positive Kraft erkennen und zielgerichtet einsetzen, um gesellschaftlichen Konsens und Fortschritt zu fördern. Richtig bleibt dabei auch: Freiwillige Transparenz ist kein Muss für alle und jeden, aber eine zeitgemäße strategische Option, um Handlungsspielräume zu gestalten.
Die reine Theorie taugt nicht für die Praxis
Der Haltung des Autors, wonach Transparenz nicht Vertrauen schafft, sondern dieses sogar abschafft, kann man nur auf der philosophisch-theoretischen Ebene etwas abgewinnen – nämlich wenn man seiner These einer totalen Transparenz folgt. Doch die wird es nie geben. Es wird im wirklichen Leben immer einen Zustand zwischen Wissen und Nicht-Wissen geben, in dem Transparenz vertrauensbildend wirken kann. Von einer „Tyrannei der Transparenz“ kann insofern keine Rede sein.
Treffende Glaubenssätze
Dem Büchlein ist zu Gute zu halten, dass Han zwischendurch immer wieder treffende, praxisrelevante Glaubenssätze platziert:
„Die allgemeine Forderung nach Transparenz, die sich zu deren Fetischisierung und Totalisierung verschärft, geht auf einen Paradigmenwechsel zurück, der sich nicht auf den Bereich von Politik und Wirtschaft begrenzen lässt.“ Hier beschreibt Han eine kritische Tendenz. In der Tat muss die Gesellschaft achtsam bleiben, dass Transparenz nicht zu einem Fetisch verkommt, zu einem Totschlagargument. Hier müssen insbesondere NGOs, Medien und die Politik Maß und Mitte bewahren.
„Die menschliche Seele braucht offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen. Zu ihr gehört eine Impermeabilität. Eine totale Ausleuchtung würde sie ausbrennen und eine besondere Art seelischen Burnouts hervorrufen.“ Das stimmt nicht nur für Individuen, sondern im selben Maße auch für Unternehmen. Und das wird auf Dauer so bleiben. Auch aus diesem Grund ist jede unreflektierte Forderung nach totaler Transparenz – von welcher Seite auch immer gefordert oder postuliert – unsinnig, unrealistisch, utopisch, dysfunktional.
„Transparenz und Wahrheit sind nicht identisch.“ Auch hier gilt es, wachsam zu bleiben. Nicht alle Akteure, die lauthals Transparenz versprechen, liefern wahre Informationen. Das Gute daran: Meist fallen diesen „Strategen“ ihre Ablenkungsversuche auf die Füße und sie werden abgestraft mit Vertrauens- und Reputationsverlust.
„Zu strategischen Spielen gehört in hohem Maß Intransparenz und Unberechenbarkeit.“ Man möchte hinzufügen: Nicht immer, aber ganz oft. Und das muss und wird auch so bleiben. Insbesondere unternehmerisches Handeln braucht immer wieder Phasen der Intransparenz. Man denke hier nur an geplante Übernahmen, Börsengänge oder Erfindungen die noch nicht marktreif sind.
„Vom Geheimnis und Dunkel geht nicht selten eine Faszination aus.“ Die wertvollste Firma der Welt, Apple, zelebriert Geheimniskrämerei wie kein zweites und wird dennoch bewundert und geliebt wie kaum ein anderes. Intransparenz kann auch künftig eine erfolgreiche Strategie bleiben.
Was bleibt nach der Lektüre?
Für mich steht Transparenz für ein adäquates Mittel zum Zweck, das zum Nutzen der Vertrauensbildung, Verständigung und Reputationsmanagement eingesetzt, aber auch missbraucht werden kann. Der einseitigen, mit Negativismen überhäuften Skizzierung einer gleichmacherischen Transparenzgesellschaft, kann ich insofern wenig abgewinnen.
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