Jeff Jarvis setzt Dell unter Druck

Der US-Computerhersteller Dell wurde 2005 eines der ersten „Opfer“ von Watchblogs. Der renommierte US-Medienexperte und Journalismusprofessor Jeff Jarvis nahm in seinem Weblog Dell aufs Korn: Er machte dabei nichts anderes, als seine eigenen schlechten Erfahrungen mit einem Dell-Rechner zu schildern. Damit wurde er zu einem mächtigen Treiber eines Weltkonzerns.

Jarvis hatte sich im Mai 2005 ein neues Dell-Notebook gekauft. Allerdings musste dieses dann mehrere Male repariert und überprüft werden, ohne dass die Probleme behoben wurden. Frustriert nach Stunden in diversen Warteschleifen lässt Jarvis seinem Frust freien Lauf. Am 21. Juni 2005 schreibt er in seinem Blog: „Dell Sucks. Dell Lies“. In einem langen ersten Blogbeitrag zu Dell beschreibt er als größtes Problem, dass sich trotz teurer Serviceverträge niemand bei dem PC-Hersteller finden lässt, der willig und befähigt ist, sein Problem endgültig zu lösen.

Dieser Eintrag und auch die folgenden zu diesem Thema werden binnen wenigen Tagen in vielen Blogs rund um den Globus aufgegriffen. Überall finden sich Menschen, die ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht haben mit der Produkt- und Servicequalität von Dell. Täglich werden hunderte Kommentare auf Jarvis Blog veröffentlicht und er erhält dutzende E-Mails von Gleichgesinnten. Nach und nach springen auch die großen klassischen Medien auf dieses Thema auf. Dell hat über Nacht nicht nur ein Qualitätsproblem, sondern auch ein Reputationsproblem.

Doch Dell stellt sich den Problemen nicht. Das Unternehmen sucht nicht den Dialog mit Jarvis. Der Medien-Blogger, der plötzlich zum Transparenz-Treiber über die Mängel eines PC-Multis wurde, möchte aber noch immer, dass sein PC repariert wird. Am 26. Juni schreibt er: „Is anybody at Dell listening? I know you are. What do you have to say, Dell?“ Doch Dell bleibt stur, reagiert auf keine Anfragen. Er wendet sich an verschiedene Verantwortliche im Unternehmen doch niemand reagiert. Erst im August gelingt es anderen Journalisten mit Dell in Kontakt zu treten. Sie erhalten Kommentare wie: „It’s a policy of look, don’t touch.“ Damit offenbart sich das ganze Ausmaß des PR-Gaus bei Dell. Es wurde nicht nur verpasst, proaktiv und transparent mit den eigenen Problemen umzugehen. Die Strategie der PR-Abteilung war scheinbar, zwar zu beobachten was im Netz passiert, doch unter keinen Umständen zu reagieren.

Erst nach einem Jahr mit negativen Headlines und unzähligen kritischen Kommentaren in Foren, Blogs und der internationalen Presse gesteht Dell seinen Kunden gegenüber öffentlich Fehler ein: „We didn’t always act as one Dell.“ Zu diesem Zeitpunkt war schon viel Vertrauen verspielt. Lajos Pistorius


erstellt: 24.07.2009; geändert: 24.07.2009


BILDblog treibt die BILD-Zeitung

An der BILD-Zeitung und ihrer Berichterstattung scheiden sich die Geister schon seit den späten 1960er-Jahren. Für die einen stellen die Verkürzungen, Übertreibungen und manchmal auch Polemisierungen ein legitimes Stilmittel dar, für die anderen ist es eine Gefahr wenn sich die auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands solcher Werkzeuge bedient.

Die Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis starteten daher Mitte 2004 einen eigenen Blog, um Unregelmäßigkeiten in der BILD-Berichterstattung zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Sie wollen so die „kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme“ in BILD und auf bild.de offenlegen. Das Interesse am Transparenz-Objekt war von Beginn an außerordentlich hoch. Die Anzahl der Seitenaufrufe stieg rasch. Rund eineinhalb Millionen Menschen besuchen jeden Monat die Webseite. Viele Leser von BILD betätigen sich inzwischen als Hinweisgeber für neue Geschichten auf BILDblog.

Die Artikel, die BILDblog beinahe täglich veröffentlicht, lassen einige Schlüsse auf die Arbeitsweise der BILD-Redaktion zu. So wurden sowohl grobe Verstöße gegen den Pressekodex aufgedeckt, aber auch auf unzureichende Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt hingewiesen. Oft handelt es sich aber auch einfach um Fakten, die so verdreht werden, dass sie in die jeweilige Berichterstattung passen, siehe Beitrag "Ostdeutsche Milchmädchenrenten". Die Arbeitsweise der BILD-Zeitung wird so transparent und für die Leser nachvollziehbar gemacht.

Den BILDblog-Machern ist in kurzer Zeit Erstaunliches gelungen. Sie haben sich eine große Stammleserschaft erarbeitet und konnten BILD in vielen Fällen in die Defensive drängen oder sogar Rügen und Missbilligungen des Presserates erwirken. Die gute Arbeit von BILDblog wurde mit dem Grimme-Online-Award belohnt.
Das Beispel zeigt, wie Transparenz-Treiber neue Medien erfolgreich für ihre Zwecke nutzen und ein großes Publikum erreichen können. Benjamin Hertlein

erstellt: 24.04.2009; geändert: 24.02.2010


Tentakelwesen

"Die Gesamtheit der Blogs bildet ein selbstorganisierendes, sich in ständiger Metamorphose befindliches Tentakelwesen, das seine Fühler und Fangarme unberechenbar und spontan in unvorhersehbare Gebiete und Regionen schiebt. Ein Albtraum für jeden Marketing-Menschen." Mario Sixtus


erstellt: 11.04.2008; geändert: 03.06.2009


Blog Skandale

Die Blogger rund um den Globus bringen eine ungeahnte, bisher nie da gewesene neue Dimension in unser Leben. Für Unternehmen eine ganz große neue Herausforderung. Blogger sind völlig unkontrollierbare Axiom-Treiber, die an jeder nächsten Ecke lauern können. Unter www.basicthinking.de hat Blogger Robert Basic ein paar Beispiele für die Relevanz der Blogger im Glashaus gesammelt - in seiner "Top Liste der Blog Skandale":

Jamba - Johnny Haeusler, Spreeblick.com, wurde über Nacht einer der bekanntesten Blogger seiner Zeit, indem er im "Sendung mit der Maus"-Stil erklärte, wie die Macher von Jamba Kinder zum Kauf von Klingeltönen verleiten. Die Story traf den Nerv der Zeit, da damals Jamba-Werbung überall diskutiert wurde und Eltern wegen der merkwürdigen Aboverträgen bereits sensibilisiert waren. Und natürlich musste auch das bis dato gute Image der Jamba-Gründer, der Samwer-Brüder, erheblich unter diesem Angriff leiden. Mitunter war es für ein junges Web-Startup sogar ein echter Nachteil in der öffentlichen Darstellung, von den Samwer-Brüder finanziert worden zu sein. Mit dem Verkauf der Klingeltöne-Company an VeriSign und etlichen Änderungen der Abobedingungen ist die Geschichte langsam in Vergessenheit geraten. Und wo heute die Samwer-Brüder Interesse an einer Start-up Finanzierung zeigen, ist der Erfolg in der Finanzbranche fast sicher. Dennoch: Der fade Beigeschmack der Klingeltöne bleibt in der Öffentlichkeit haften.

 
Klowand - Jens Scholz. Ihm wurde ein internes Mail von Jean-Remy von Matt (Jung von Matt Werbeagentur) zugespielt, in der sich Jean-Remy über Blogs förmlich auskotzt. Anlass war die von Bloggern zerrissene Du-Bist-Deutschland Kampagne. Zahlreiche Blogger griffen dieses Mail auf. Seitdem ist der Begriff “Klowand” zu einem Fanal geworden, der immer dann benutzt wird, wenn man über Blogger pauschalisierend und diffamierend herzieht. Und, es endete mit einem Entschuldigungsschreiben von Jean-Remy, über das man sich bis heute uneins ist, ob es denn überhaupt ernst gemeint war oder doch eher strategisch. Dr. Volker Klenk


erstellt: 24.10.2007; geändert: 18.02.2010