Der Fall des Markus Straub

Das Jahr 2008 war für Markus Straub ein turbulentes. Bis zum Sommer war er noch Vizechef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), einer der größten Aktionärsvereinigungen. Seine Aufgabe: Die Rechte und Interessen von Kleinaktionären stärken und diese auf den Hauptversammlungen der Aktiengesellschaften vertreten. Doch im Laufe von drei Monaten mutiert sein Ruf vom Aktionärsschützer zum Marktmanipulator.

Gemäß ihrer Aufgabe als Schützer der Interessen von Kleinanlegern informiert die SdK praktisch täglich auf ihrer Homepage über positive und negative Entwicklungen an der Börse und in Unternehmen. So auch im Juni 2008. Die Schutzgemeinschaft wirft der Münchner Firma Wirecard, einem Unternehmen für Zahlungsabwicklung, vor, ihre Bilanzen zu verfälschen. Die Konzernrechnungslegung sei in verschiedenen wesentlichen Punkten unvollständig und irreführend. Darüber hinaus läge, so die SdK, eine fehlerhafte Prüfung des Jahresabschlusses vor. Die Folgen für Wirecard: Zum einen verschiedene Prüfverfahren durch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung sowie durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Zum anderen ein massiver Kurssturz der Aktie. Der Titel verliert binnen eines Monats mehr als die Hälfte seines Börsenwertes. Der Kommentar eines Analysten dazu: "In so einer Situation ist das Unternehmen fast machtlos – das Vertrauen der Anleger ist weg". Was zunächst niemand weiß: Bereits Mitte Mai 2008 setzt Markus Straub auf sinkende Kurse der Wirecard-Aktie und geht in der Folge wiederholt entsprechende Geschäfte ein. Insgesamt verdient er durch die dann tatsächlich fallenden Kurse angeblich Summen im zweistelligen Millionenbereich.

Am 18. Juli reagiert Wirecard schließlich. Das Münchner Unternehmen reicht bei der Staatsanwaltschaft München Strafanzeige ein gegen die SdK, ihren Vorstand und dritte Tatbeteiligte unter anderem wegen mittäterschaftlicher Marktmanipulation und Insiderhandel. Es habe "sich herausgestellt, dass die Motivation der SdK im Hinblick auf die Verbreitung unrichtiger und kursschädigender Informationen [...] von finanziellem Eigeninteresse der handelnden Vorstände geprägt war", schreibt Wirecard in einer Pressemitteilung. Einer dieser Vorstände sei Markus Straub, der zu diesem Zeitpunkt noch stellvertretender Vorsitzender der SdK ist. Zunächst wehrt er sich gegen die Vorwürfe, doch schnell trifft er auf Unverständnis auch von Seiten seiner eigenen Aktionärsvereinigung und tritt schließlich am 23. Juli 2008, fünf Tage nach der Anzeige, zurück, wie die ARD berichtet.

Letztlich muss für eine Strafbarkeit aber ein vorsätzliches Verhalten des Täters vorliegen. Es bleibt fraglich, ob Markus Straub bereits zum Zeitpunkt seiner Spekulationsgeschäfte von den späteren SdK-Vorwürfen und geplanten Veröffentlichungen wusste und dementsprechend mit Vorsatz handelte. Schließlich ging er seine so genannte Short-Position schon im Mai ein – über einen Monat vor den öffentlichen SdK-Vorwürfen. Nachweisen kann man wenig, es spricht allerdings viel dafür, dass Markus Straub die Grenze zum Interessenkonflikt überschritten hat. Umstritten bleibt nicht nur der Ruf Straubs, sondern auch der Ruf der Aktionärsvereinigungen. Was als schützender Verein begann, entwickelt sich zu einer Lobby für selbsternannte Aktienspezialisten, die immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, so der Spiegel. Dem damaligen SdK-Vorstandschef Klaus Schneider ist dies bewusst. Er gesteht ein, „es gebe Handlungsbedarf bei den internen Verhaltensregeln. Ihre Depots müssen die Vorstände bereits offenlegen. Es sei zu diskutieren, ob auch Wetten auf fallende Kurse transparent gemacht werden müssen“. Dieser Einsicht sollten Taten folgen. Sonst wird es für Aktionärsvereinigungen immer schwerer, ihre Mitglieder zu halten und neue zu gewinnen. Silja Bellinger


erstellt: 12.07.2009; geändert: 12.07.2009