Die „Lidl-Stasi“

Lidl ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen, das die Konsequenzen des Glashaus-Axioms ignoriert: Schon im Dezember 2004 veröffentlichte die Gewerkschaft Verdi das „Schwarz-Buch Lidl“, in dem der Arbeitsalltag im Discounter detailliert beschrieben wurde. Die Vorwürfe: Die Gründung von Betriebsräten sei torpediert oder Angestellte aus dem Unternehmen gemobbt worden. Im Mai 2006 folgte dann das „Schwarz-Buch Lidl Europa“. Bereits damals wurden Einzelfälle der Mitarbeiter-Überwachung bekannt.

Ende März 2008 enthüllte der Stern (Heft 14/2008), wie Lidl in 2007 Angestellte in seinen Filialen systematisch überwachen und ausspionieren ließ. Der Imageschaden ist substantiell: „Menschenverachtend, widerlich, krank“ titelt der Stern und spricht von Methoden, die „an den Stasi-Spitzeldienst der untergegangenen DDR erinnern“. Das Unternehmen hätte „viel Zeit gehabt, diese Methoden abzustellen“, so das in Hamburg ansässige Magazin. Auch das Feuilleton der FAZ fragt: „Was ist der altertümliche Phantasie-Stalinismus gegen den aktuellen Wirtschaftsstalinismus bei Lidl?“ und die Süddeutsche Zeitung schreibt über die Protokolle: „Man liest darin voller Faszination, weil einem das menschliche Bestiarium selten so roh und unbemäntelt vor Augen tritt“.
Nach einer Umfrage der Marktforschungsgesellschaft Psychonomics rutsche Lidl im Vergleich zu den 16 größten Lebensmittelhändlern beim Image auf den letzten Platz ab.

Und Lidls Reaktion? Die kam diesmal ziemlich schnell: So wurde den Stern-Heften, mit dem Lidl-Skandal als Aufmacher, ein Informationsheft beigelegt, das zu den öffentlichen Vorwürfen Stellung nahm. Am Montag danach platzierte Lidl große Anzeigen in vielen Tageszeitungen und bat seine Kunden um Entschuldigung und Vertrauen. Außerdem versprach der in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Konzern zukünftig keine Detektive mehr einzusetzen und baute erste Überwachungskameras in den Filialen ab. Zusätzlich wurde ein Entschuldigungsschreiben an alle 48.000 Mitarbeiter verfasst. Doch der verzweifelte Kampf um sein Image erscheint wenig glaubwürdig.

Die Liste der Treiber ist lang: Verbrauchschutzminister Horst Seehofer verlangt beim Wiederholungstäter Lidl nach harten Strafen. Das Innenministerium Baden-Württemberg kündigt an, Ermittlungen einzuleiten. Die Gewerkschaft Verdi ruft bespitzelte Mitarbeiter zu Schadensersatzklagen gegen den Discounter auf. Sogar von Boykott ist die Rede. Tatsächlich räumte die Lidl-Geschäftsführung fast zwei Wochen nach der Stern-Enthüllung ein, dass der Absatz spürbar zurückgegangen sei. Der Discounter bekommt damit die Quittung für sein unethisches Verhalten.

Nach Enthüllungen der „Stasi-Methoden“ (Stern) bei Lidl liegen dem Stern kurz darauf auch brisante Protokolle über ähnliche Methoden bei Plus und Edeka vor – wenn auch nicht in so großem Ausmaß wie bei Lidl. Angesichts dieser weiteren Enthüllungen kann man nur an die Unternehmen appellieren, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und für mehr Transparenz in ihrem unternehmerischen Handeln zu sorgen. Damit täten sie nicht nur Öffentlichkeit, Kunden und Mitarbeitern, sondern auch sich selbst einen großen Gefallen.
Imane El Alaoui 

erstellt: 11.04.2008; geändert: 03.06.2009