"Je größer die Transparenz, desto weniger braucht man Vertrauen"

Dr. Guido Möllering  forscht am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Vertrauen gehört seit mehr als zehn Jahren zu seinen Forschungsschwerpunkten. Sein Buch „Trust: Reason, Routine, Reflexivity“ ist bei Elsevier erschienen.

Wie wird man eigentlich Vertrauensforscher?
Erstens aus Frust: Der Begriff Vertrauen taucht überall auf, wird jedoch selten hinterfragt. Zweitens aus Lust: Das Thema bietet so viele Facetten, verbindet ganz praktische und hoch philosophische Fragen und gibt immer wieder Aha-Erlebnisse. Und drittens aus vielen Richtungen: Man muss kein bestimmtes Fach studiert haben, um Vertrauen zu erforschen, denn hier kommen Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Philosophie und inzwischen auch Biologie zusammen. Ich sehe mich selbst in erster Linie als Organisationsforscher mit besonderem Interesse an Vertrauen. 
 
Welche Verbindung sehen Sie zwischen Transparenz und Vertrauen?
Vertrauen beginnt dort, wo die Transparenz aufhört. Schon vor hundert Jahren betonte der Soziologe Georg Simmel: „Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen.“ Transparenz dient dazu, die Ungewissheit zu reduzieren. Vertrauen bedeutet hingegen, die stets verbleibende Ungewissheit und Verwundbarkeit zu akzeptieren, und trotzdem positive Erwartungen zu haben. Man lässt dem anderen seinen Spielraum, erwartet aber ganz klar, dass er diesen Spielraum nicht missbraucht. Andererseits braucht Vertrauen immer auch eine gewisse Basis an guten Gründen, die zwar nicht perfekt sind, die jedoch das Vertrauen verankern. Ein gewisses Maß an Transparenz ist also nötig, damit man weiß, worum es überhaupt geht. Dabei ist auch klar, dass der Vertrauensnehmer mitwirken muss, indem er sich vertrauenswürdig zeigt. Dazu ist allerdings keine völlige Transparenz nötig und man sollte das Thema Vertrauen auch nicht unnötig explizit ansprechen, sondern vertrauensvolle Beziehungen vielmehr nebenbei durch Taten ganz selbstverständlich pflegen.
 
Kann zuviel Transparenz eine Vertrauensbildung möglicherweise auch erschweren?
Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Man kommt oft an den Punkt, an dem man sich entscheiden muss, ob eine Beziehung mehr auf der Grundlage von Transparenz oder auf der Grundlage von Vertrauen aufgebaut werden soll. Je mehr Transparenz man hat, desto weniger braucht man ja eigentlich Vertrauen. Wenn ich in einer neuen Beziehung von Anfang an ein hohes Maß an Transparenz fordere, signalisiere ich damit, dass ich eine geringe Vertrauensbereitschaft habe. Es ist dann schwer, die Transparenz später wieder zu reduzieren und mehr auf Vertrauen zu setzen. Andererseits ist die Bereitschaft, sich ein Stück weit transparent – und damit auch verwundbar – zu machen, gerade in neuen Beziehungen für Vertrauen förderlich. Der wichtige Unterschied ist hierbei, ob jemand freiwillig etwas von sich Preis gibt oder dazu gezwungen wird. Insgesamt gilt: Zu viel Transparenz beseitigt die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Vertrauensbildung.
 
Sie betonen, dass Transparenz freiwillig gewährt werden muss, um Vertrauen zu stärken. Warum ist die Freiwilligkeit so wichtig?
Das hat damit zu tun, dass der Vertrauensnehmer, der das Vertrauen anderer gewinnen möchte, zeigen muss, dass er Vertrauen ernst nimmt, dass er die Ungewissheit und Verwundbarkeit der anderen respektiert und dass er seine eigene Verantwortung akzeptiert. Diese Signale kann er nur wirkungsvoll senden, wenn er nicht nur das tut, was ohnehin von ihm erwartet wird, sondern wenn er freiwillig diese Erwartungen übertrifft. Außerdem müssen wir die Probleme sehr ernst nehmen, die daraus resultieren, wenn der Forderung nach mehr Transparenz nur unfreiwillig von opportunistischen Personen oder Organisationen nachgekommen wird. Ein transparentes System ist nämlich auch ein System, das man besonders gut manipulieren kann und dessen unvermeidliche Schwachstellen man ausnutzen kann. In der Praxis bedeutet Transparenz ja niemals, dass man wirklich alles offenlegen muss. So bleibt immer auch einiges im Dunkeln und das, was im Licht steht, wird beschönigt. Regulation und Kontrolle sagen den Akteuren, wie sie ihre Fassade gestalten sollen, aber auch was sie hinter der Fassade verstecken können. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Vertrauen in einem ambivalenten Verhältnis zur Täuschung steht. Ich zeige in einer aktuellen MPIfG-Publikation, dass Vertrauen und Täuschung sich gegenseitig sowohl ermöglichen als auch verhindern.
 
Vertrauen ist ein abstrakter Wert und dennoch oft die Basis für wirtschaftliche Prozesse. Wie kommt das?
Die Klassiker der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben eigentlich immer schon gewusst, dass die Wirtschaft nicht nur aus materiellen Gütern und rationalen Gesetzmäßigkeiten besteht. Das erkennen in letzter Zeit auch die Ökonomen wieder an, nicht zuletzt weil zum Beispiel die Wirtschaftssoziologie alternative Erklärungsansätze anbietet. Wir müssen also auch die politischen, kulturellen und moralischen Grundlagen der Wirtschaft analysieren. Aus der Sicht von wirtschaftlichen Akteuren ist das zentrale Problem nicht die Optimierung, sondern der Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit. Wir alle, als Konsumenten oder Produzenten von Leistungen, treffen ständig Entscheidungen auf einer Informationsgrundlage, die uns typischerweise schon überfordert, obwohl sie immer noch unvollständig und womöglich fehlerhaft ist. Vertrauen ist deshalb interessant und attraktiv, weil es – wie Niklas Luhmann es formulierte – Komplexität reduziert. Wenn ich vertraue, blende ich viele Eventualitäten aus und handele, als ob alles gut geht. Das ist eine Art Fiktion, die uns handlungsfähig macht, wo ansonsten die Komplexität der Wirtschaft mit ihren unberechenbaren Risiken uns erschlagen würde. Das klingt zwar abstrakt, ist jedoch eine ganz reale Erfahrung, die jeder nachvollziehen kann.
 
Die Stabilität des Bankenwesens gründet zum großen Teil auf Vertrauen. Fehlt das Vertrauen, krankt sofort das ganze System. Gibt es denn überhaupt eine Möglichkeit, ein so zerbrechliches Gebilde wie Vertrauen zu zementieren und damit unerschütterlich zu machen?
Nein, das glaube ich nicht. Vertrauen birgt immer die Möglichkeit, enttäuscht zu werden. Wenn man das nicht in Kauf nehmen kann, dann muss man auf Vertrauen verzichten und stattdessen zur Kontrolle greifen. Das System wird dann weniger effizient und bleibt nach wie vor verwundbar, aber die größten Katastrophen können eventuell vermieden werden. Bei der Kontrolle stellt sich allerdings stets die Frage, wer die Kontrolleure kontrolliert, sodass dann entweder die Kontrollsysteme in einer Art Spirale des Misstrauens ausufern oder aber an irgendeiner Stelle doch wieder Ungewissheit und Verwundbarkeit vertrauensvoll akzeptiert werden müssen. Übrigens: Vertrauen ist nicht ganz so zerbrechlich, wie oft angenommen wird, sondern relativ robust. Vertrauende suchen nämlich immer zuerst nach einer Bestätigung ihres Vertrauens und erst bei sehr eindeutigen und gravierenden Verstößen bricht das Vertrauen zusammen, dann aber in der Tat rapide.
 
Gibt es Branchen, bei denen Vertrauen kein so fundamentaler Erfolgsfaktor ist, bei denen es also durchaus auch ohne Vertrauen geht?
Es wäre irreführend, hier einzelne Branchen zu nennen. Allgemein würde ich sagen: Je größer die Transparenz, desto weniger braucht man Vertrauen. Je größer die Ungewissheit und Komplexität, desto wichtiger wird Vertrauen. In fast allen Branchen hat man heute das Gefühl, dass sich alles ständig wandelt. Wer vertrauensvolle Partner hat, die auch bei sich verändernden Umständen die Lage nicht opportunistisch ausnutzen, sondern gemeinsame Chancen suchen, der hat in jeder Branche einen Vorteil. Vertrauen darf hier allerdings nicht unbedingte Loyalität bedeuten, sondern sollte eine konstruktive Einstellung zu Geschäftsbeziehungen zum Ausdruck bringen, die auch die Möglichkeit einschließt, die Beziehung einvernehmlich zu beenden.
 
Immer mehr Konzerne investieren in ausgefeilte Compliance-Systeme. Laut einer Umfrage des Handelsblatts glauben aber nur 26 Prozent der Topmanager an die Wirkung der neuen Überwachungssysteme. Wie erklären Sie sich das?
Die Diskrepanz zwischen den Investitionen einerseits und der Skepsis andererseits würden Soziologen – etwas zynisch – damit erklären, dass die Unternehmen mit den Compliance-Systemen eine Legitimitätsfassade aufbauen, also nur nach Außen die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen versuchen. Die Systeme wären dann von den Prozessen, die im Unternehmen wirklich wichtig sind, entkoppelt. Ich bin mir aber nicht sicher, was ich von den Umfrageergebnissen halten soll. Die Topmanager signalisieren damit ja eigentlich, dass sie Geld verschwenden, was aus Investorensicht illegitim ist. Eigentlich müsste es darauf hinauslaufen, dass man Compliance-Systeme so gestaltet, dass sie die gesellschaftlichen und unternehmerischen Interessen zugleich fördern. Vielleicht spielen die Topmanager in der Umfrage aber auch auf etwas an, was ich vorhin schon erwähnt habe: „Compliance“ klingt nach unfreiwilliger Unterwerfung unter ein Kontrollregime. Da ersinnt man sogleich Wege, das System zu umgehen und unkontrollierte Bereiche auszunutzen, wodurch dann die ganze Compliance wieder ausgehebelt wird. Vertrauenswürdig wird man, wie gesagt, nicht durch Unterwerfung, sondern durch Verantwortungsbereitschaft.
 
Gibt es einen Unterschied zwischen privatem und geschäftlichem Vertrauen?
Ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Unterschieden. Zwei sind besonders wichtig: Erstens, gehört es zu den anerkannten Spielregeln des Geschäftslebens, dass man stärker am Eigeninteresse orientiert sein darf und andere als Konkurrenten betrachtet, während im Privatleben Egoismus stärker verpönt ist und man kooperativ eingestellt sein soll. Dies drückt sich im Vertrauen so aus, dass es im Geschäftsleben stärker berechnend als im Privaten sein darf. Dazu gibt es natürlich jede Menge Ausnahmen, doch es macht einen großen Unterschied, ob etwas im privaten oder geschäftlichen „Rahmen“ stattfindet. Das merken wir immer dann besonders deutlich, wenn die Bereiche sich überschneiden, wie zum Beispiel in Familienunternehmen, bei Geschäften mit Freunden oder bei Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz. Wenn heute von der Ökonomisierung bisher nicht-ökonomischer Lebensbereiche die Rede ist, dann befürchtet man, dass die unterschiedlichen Rahmungen verloren gehen und alles nach den „Spielregeln des Marktes“ laufen wird, obwohl auch noch andere Spielregeln möglich sind. Zweitens, stellen wir uns Vertrauen im Privaten zumeist als Vertrauen zwischen Personen oder Gruppen von Personen vor. Im Geschäftsleben hingegen gehören typischerweise auch Unternehmen und andere Arten von Organisationen zu den Akteuren, die jedoch allenfalls juristische Personen, aber eben keine natürlichen Personen sind. Wem oder was vertraut man da eigentlich? Ist es ein Vertrauen in die Personen, die jeweils die Organisation vertreten, oder ist es vielmehr ein Vertrauen in die formellen und informellen Regeln, die in der Organisation gelten? Das ist schwer zu beantworten, aber ein wichtiger Aspekt, der das Vertrauensthema in Bezug auf Unternehmen verkompliziert. Auf jeden Fall dürfen wir uns Unternehmen nicht einfach wie Personen vorstellen oder den Vorstandsvorsitzenden mit dem Unternehmen gleichsetzen.
 
Was raten Sie Unternehmen in Bezug auf Transparenz und Vertrauen?
Erstens: Vertrauensbildend wirkt Transparenz nur dann, wenn sie nicht aus Unterwerfung, sondern aus freien Stücken gegeben wird, und wenn sie signalisiert, dass man mit den eigenen Freiräumen verantwortungsvoll umgeht. Zweitens: Wenn man mehr Transparenz fordert als zumutbar und nötig, dann zerstört man Vertrauen. Und drittens: Wer über Vertrauen redet, macht sich verdächtig! Man sollte ganz selbstverständlich vertrauensvoll und vertrauenswürdig sein. Das braucht man sich dann nicht auf die Fahnen oder in die Firmenbroschüre zu schreiben. Vertrauen ist nämlich immer ambivalent, weil es einerseits mit positiven Erwartungen, andererseits aber auch mit Ungewissheit und Verwundbarkeit verbunden ist, und auf Letztere will man nicht unnötig aufmerksam gemacht werden. Wenn Handwerksbetriebe mit Vertrauen werben, erinnern sie mich nur daran, dass man bei Handwerkern besser vorsichtig sein sollte. Für Finanzdienstleister, Kraftwerksbetreiber oder Automobilhersteller gilt das Gleiche. Man sollte also das Wort Vertrauen möglichst vermeiden und stattdessen auf die konkreten Erwartungen der Anspruchsgruppen eingehen, deren Erwartungen nicht zu hoch schrauben, dann aber möglichst übertreffen.

Die Fragen stellte Nina Offermann


erstellt: 10.03.2008; geändert: 03.06.2009