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"Die Wahrheit ist zumutbar"
![]() Interview mit Dr. Jörg E. Allgäuer, Kommunikationschef HypoVereinsbank
Herr Allgäuer, sollten Unternehmen heute in einer globalisierten Welt mit einer gewachsenen Anzahl von kritischen Stakeholdern generell noch transparenter sein als sie es derzeit bereits sind? Ich meine schon, auch wenn man vorsichtig sein muss mit solchen Verallgemeinerungen. Schließlich kommt es darauf an, welche Art von Transparenz gemeint ist. Geht es um freien Informationsfluss? Glaubwürdigkeit und Vertrauen? Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen? Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit? Entscheidend ist: Transparenz ist nicht absolut anzusehen und schon gar nicht als Selbstzweck, sondern sie ist eher funktionaler Natur. Transparenz ist der Situation gemäß herzustellen.
Wird der unübersehbare Trend hin zu mehr Transparenz getrieben durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC und den Sarbanes-Oxley-Act? Oder ist dies primär ein europäisches Thema?
Weder noch. Das Bedürfnis, nicht getäuscht und betrogen zu werden, sowie die Forderung nach Einsehbarkeit, Offenheit, Ehrlichkeit einerseits, aber auch nach einem gewissen Maß an Verschlossenheit und Diskretion andererseits ist überindividuell und somit kultur- und gesellschaftsübergreifend.
Ist Transparenz lediglich ein aktuelles Modethema der Entscheidermedien und der Beraterbranche?
Transparenz ist ein zeitloses Thema, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger aktuellen Bezügen. Transparenz muss meiner Einschätzung nach als einWert verstanden werden.Werte liefern uns individuelle und kollektive Orientierungsfaktoren, die einen handlungsleitenden Charakter aufweisen. Nur wenn Transparenz im Wertekanon eines Unternehmens verankert ist, kann ein Unternehmen diese Prozesse nachhaltig erfolgreich steuern.
Ist Transparenz verknüpft mit der CSR-Strategie?
Sie sollte zumindest ein Bestandteil davon sein. Auch hier gilt: Es ist festzulegen, worauf Transparenz bezogen sein und von wem sie festgelegt werden soll.
Welche Trends sehen Sie in Bezug auf Transparenz?
Die vergangenen Jahre sind geprägt von einem grundlegenden Vertrauensverlust gegenüber Politik und Unternehmen. In einer komplexer werdenden Welt steigt gleichzeitig das Bedürfnis nach Orientierung und Transparenz. Eine enorme Herausforderung insbesondere für globale Unternehmen, denn meist sind die Zusammenhänge von unternehmerischen Entscheidungen überaus komplex. Die Bedürfnisse nach Transparenz zu befriedigen, wird immer schwieriger. Transparenzpolitik muss hier einen Beitrag leisten im Sinne der Vertrauensbildung sowie der Reduktion von Komplexität.
Zu welcher Transparenz-These würden Sie sich hinreißen lassen?
Ich glaube, der Mensch ist sich selbst nicht transparent. Sein Wahrnehmungsvermögen, also Kognition und Intuition, sowie seine Vernunftfähigkeiten sind begrenzt. So wie Aufklärung stets Selbstaufklärung sein muss, ist das Streben nach Transparenz eine permanente Herausforderung – ihr geht Selbstreflexion voraus: In Anlehnung an Kants Frage: „Was kann ich wissen?“ muss die Frage also lauten: Was kann ich transparent machen? Das heißt: Wieweit kann ich Transparenz selber herstellen und wieweit von anderen fordern? Transparenz muss ausgehandelt werden unter Verdeutlichung von gegenseitigen Ansprüchen, die in ihrer Wechselwirkung entstehen. Die aufzustellenden Regeln sollen uns in die Lage versetzen, unsere Geschäftsbeziehungen zu unseren Stakeholdern in Zukunft fortsetzen zu können. Die Wahrheit ist zumutbar.
Herr Allgäuer, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
erstellt: 20.12.2007; geändert: 14.02.2010 |
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