Ein offenes Geheimnis

Die Pharmabranche möchte mit einer besonderen Form der Altersblindheit Kasse machen. Das vermuten zumindest Experten wie der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer. Es geht um die sogenannten Makuladegeneration, unter der in Deutschland 4,5 Millionen Menschen leiden. Hierbei wachsen kleine Blutgefäße in die Netzhaut des Auges ein, die Sicht trübt sich und dies kann letztlich zur völligen Erblindung führen. Hoffnung für die Patienten schürten vielversprechende Tests mit dem Krebsmedikament Avastin. Obwohl für eine andere Krankheit entwickelt, stellten sich auch bei der Altersblindheit durchschlagende Erfolge ein. Seit 2005 erhalten Patienten in Deutschland Avastin per Spritze direkt ins betroffene Auge. Der Krankheitsverlauf wird so oft gestoppt, die Gefahr einer plötzlichen Erblindung vermindert.

Der Haken an der Sache: Avastin ist in Deutschland zwar als Krebsmittel, jedoch nicht als Mittel für Augenkrankheiten zugelassen. Der Hersteller Roche müsste dafür eine weitere Zulassungsstudie, speziell für die zweite Anwendung, durchführen und bezahlen. Das deutsche Recht erlaubt zwar eine Nutzung von wirkungsvollen Medikamenten bei anderen Krankheiten, doch nur, solange es keine zugelassene Alternative gibt. 2007 hat der Pharmariese Novartis diese Lücke mit dem Präparat Lucentis geschlossen. Seither dürfte Avastis folglich nicht mehr gegen die Altersblindheit angewendet werden, so ZEIT ONLINE.

Nach Berechnungen des Heidelberger Pharmakologen Ulrich Schwabe kann es dem deutschen Gesundheitswesen nicht egal sein, welches der beiden Medikamente angewandt wird. Für eine Injektion Lucentis verlangt Novartis 1.500 Euro, für Avastin fallen nur 50 Euro pro Spritze an. Die Krankenkassen würde die Lucentis-Therapie neun Milliarden Euro kosten, etwa ein Drittel der gesamten Ausgaben für Medikamente (Quelle: „Warnung mit Gewinn", Süddeutsche Zeitung, 14.02.2009). Dagegen wirkt der alleinige Einsatz der Krebsarznei Avastin geradezu wie ein Schnäppchen: Nur 32 Millionen Euro wären hier zu erwarten.

Die beiden Medikamente gelten als nahezu identisch. Nur ein Molekül unterscheidet die beiden Arzneien, beide stammen sogar aus demselben Pharmalabor in den USA, so Mühlbauer im Bremer Ärztejournal. Obwohl rechtlich in einer Grauzone liegend, steht Avastin auch weiterhin auf den Rezepten vieler Augenärzte. Einige Krankenkassen schreiben Boni aus, damit die Mediziner nicht auf Lucentis ausweichen und so die Kosten für das Gesundheitssystem in die Höhe treiben.

Novartis klagt gegen dieses Vorgehen, bisher ohne Erfolg. Die Justiz duldet die gängige Praxis aus gesamtgesellschaftlichem Interesse. Roche verharrt inaktiv. Auf die Frage, warum das Unternehmen keine Zulassung als Augenmittel beantragt, verweist Sprecher Hans-Ulrich Jelitto auf die fehlende Kompetenz seiner Firma bei Augenkrankheiten. Kritiker unterstellen Roche andere Motive: Denn Novartis ist mit 30 Prozent an Roche beteiligt.

Die miteinander verwobenen Konzerne Roche und Novartis machen sich hier die Lücken des deutschen Gesundheitssystems zunutze: Preisbildung und Zulassung sind Privilegien der Pharmabranche. Novartis legt einen extrem hohen Preis fest für ein Produkt, das es fast identisch und viel billiger schon gibt, aber für diese Anwendung nicht zugelassen ist. Eine Zulassung wäre für Roche teuer und für den Anteilseigner Novartis würde der Markt für das eigene Produkt wegbrechen.

Seit Lucentis auf dem Markt ist prangert Bernd Mühlbauer die Geschäftspraxis der beiden Pharmariesen an und hat damit das Interesse der Medien geweckt. In einer Studie vergleicht er nun mit seinem Institut die Wirkung von Avastin und Lucentis bei Patienten mit Makuladegeneration, erstmals in Deutschland finanziert aus Eigenmitteln. Eine kostspielige Zweitzulassung für Avastin wird dies zwar nicht erzwingen können, sollten die Ergebnisse jedoch wie erwartet ausfallen, wird der öffentliche Druck auf Roche weiter steigen, die Zulassung auch als Augenmittel zu beantragen. Simon Bauer


erstellt: 29.06.2009; geändert: 29.06.2009