„Bitte haben Sie Verständnis, wir können dazu nichts sagen.“
Unternehmen können nicht total transparent sein. Es wird immer Phasen der Transparenz und Zeiten der Intransparenz geben. Es gibt Informationen, die unbedingt transparent gemacht werden und andere Themen und Prozesse, die vertraulich bleiben müssen. Viele Ideen und Entscheidungen können in einem unausgereiften Stadium noch nicht kommuniziert werden, ohne dem Unternehmen oder den davon betroffenen Stakeholdern zu schaden. Das Management und seine Pressesprecher kommen nicht selten in Situationen, in denen sie zu solchen „unreifen Themen“ Stellung beziehen sollen. Durch Recherchen von Medien, durch Indiskretionen oder manchmal auch unglückliche Zufälle. Was tun? Transparent sein und bei der Wahrheit bleiben? Oder gar lügen?
Lügen sind aus zwei Gründen stets ein Irrweg. Neben der moralischen Dimension sprechen insbesondere die negativen Auswirkungen auf die Unternehmensreputation dagegen. Vorstände und Unternehmenssprecher „vertreten“ ein unternehmerisches Kollektiv. Es gehört ihnen in der Regel nicht. Nachweislich zerstören Lügen Vertrauen. Lügen gaukeln Transparenz nur vor, man hat ja Stellung bezogen. Wer also lügt und sich nicht offen zur Intransparenz zu einem bestimmten Thema bekennt, schadet der Unternehmensreputation und zerstört damit unternehmerisches Kapital. Er schadet den Inhabern und Mitarbeitern. Verunsichert und irritiert werden in der Regel auch die treuesten Kunden. Auf den Vertrauensverlust folgen daher nicht selten Kunden- und Umsatzschwund.
Jeder vernünftige, aufgeklärte Akteur wird eingestehen: Entscheider und ihre PR-Leute können nie alles ausplaudern was sie wissen. Sie sind Geheimnisträger, wie Anwälte, Banker und Ärzte. Konfrontiert mit Themen, die noch vertraulich sind, müssen Manager und Pressesprecher sich zurückziehen auf Formeln wie „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass unser Unternehmen dazu keine Angaben macht“, über „Zu solchen Gerüchten nehmen wir grundsätzlich keine Stellung“ bis hin zu „Kein Kommentar“.
Für den großen Soziologen Niklas Luhmann ist Misstrauen nicht das Gegenteil von Vertrauen, sondern das „funktionale Äquivalent“ dazu, da es ebenfalls Komplexität reduziert und zu auf Intuition basierten Entscheidungen befähigt. Ähnlich verhält es sich mit Transparenz und Vertraulichkeit. Sie sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Schwierig bleibt in jedem Unternehmen die Umsetzung in der betrieblichen Praxis. Wann muss zu welchen Themen in welchem Umfang mit welchen Instrumenten Transparenz hergestellt werden? Bei der Suche nach der Antwort sind Ziel-, Loyalitäts- und Interessenskonflikte im unternehmerischen Handeln unvermeidlich. Um stets die richtigen Antworten zu geben, brauchen Unternehmen als Basis ethische Grundsätze und einen entsprechenden Wertekanon, eine Transparenzstrategie, entsprechende Handlungsanweisungen und Prozesse, Trainings im Rahmen der Personalentwicklung sowie entsprechende Compliance- und Kontrollsysteme. Erst diese Voraussetzungen stellen sicher, dass das Unternehmen in kritischen Situationen das Richtige unternimmt. Dr. Volker Klenk
erstellt: 17.07.2008; geändert: 13.11.2009