Würth an Mitarbeiter – Mitarbeiter an Presse
Immer wieder gelangen interne Informationen an die Presse. Durch Mitarbeiter, die sich ärgern, sich ungerecht behandelt fühlen, die sich rächen oder aus anderen Motiven Dinge ans Licht bringen wollen. Das heißt: Jede interne Information ist auch eine externe Information. Was im Intranet steht und nur für die Mitarbeiter gedacht sein soll, ist im Grunde externe Unternehmenskommunikation. Das war früher mit dem Aushang am schwarzen Brett im Prinzip auch schon so. Doch im
21. Jahrhundert verlässt die Information per E-Mail inklusive Text, Bild und Video das eigene Haus. Die Geschwindigkeit der Informationsweitergabe und die irrwitzig rasche Weiterverbreitung im Internet sind das eigentlich Andere. Die Kommunikationsverantwortlichen müssen folglich immer wieder das Management dafür sensibilisieren, die interne und die externe Kommunikation zu synchronisieren und die Informationen an die Mitarbeiter als quasi externe Kommunikation zu betrachten.
Was passiert, wenn man der überholten Ansicht ist, dass interne Informationen auch intern bleiben, zeigt der Fall Würth. Reinhold Würth gilt als legendärer Unternehmer mit einer grandiosen Lebensleistung. Legendär ist auch sein Anspruch an die Leistungsbereitschaft seiner Belegschaft. Im Außendienst herrschen da raue Sitten. Im Schnitt sollte ein Mitarbeiter sieben Aufträge pro Tag akquirieren. Rund 100 Mitarbeiter, die das nicht schafften („notorisch Unwillige“), bekamen Anfang 2008 einen persönlichen Brief des Patriarchen. Mit scharfen Worten: „Nachdem Würth weder ein zweites Arbeitsamt noch ein Sozialinstitut ist, bitte ich um Verständnis, dass wir die Zusammenarbeit nur fortsetzen können, wenn Sie ganz kurzfristig und zackig die Zahl der selbst getätigten Aufträge pro Arbeitstag erhöhen.“
Dieser Brief wurde von einem Mitarbeiter den Medien zugespielt und sorgte für erhebliche Irritationen im Unternehmen, böse Kommentare in den Medien (u.a. FAZ vom 27. Februar 2008) und hinterließ einen Fleck auf der sonst so weißen Weste des Vorzeigeunternehmers.
Würth selber hat das Glashaus-Axiom offenbar nicht auf dem Radar, wonach jedes unternehmerische Handeln öffentlich ist – auch Mitarbeiterbriefe. Er zeigte sich überrascht, dass eigene Mitarbeiter unangenehme Wahrheiten an eine breite Öffentlichkeit zerren. „Wenn ich gewusst hätte, dass das Schreiben öffentlich wird, hätte ich es etwas moderater formuliert.“ Dr. Volker Klenk
erstellt: 02.07.2008; geändert: 11.02.2010