Vom Saulus zum Paulus
Nach seiner wohl größten Reputationskrise wandelt sich Siemens nach und nach vom Saulus zum Paulus. Oder wie das Handelsblatt am 25. November 2008 schrieb: „Vom Buhmann zum Vorbild“. In dem lesenswerten Beitrag des Siemens-Kenners und München-Korrespondenten Axel Höpner heißt es konkret:
„Es war ein strahlend-blauer Novembertag, an dem das Ende der alten Siemens-Kultur eingeläutet wurde. Rund 200 Polizisten, Steuerfahnder und Staatsanwälte marschierten an jenem 15. November 2006 in der Siemens Zentrale, an Außenstandorten und in Privatwohnungen von hochrangigen Mitarbeitern auf. Mit der Großrazzia wurde die größte Schmiergeldaffäre publik, die die deutsche Wirtschaft je erlebt hat. Später kam im Zuge der Ermittlungen auch der AUB-Skandal um gekaufte Betriebsräte auf.
Seither ist nicht nur Siemens nicht wiederzuerkennen. „Viele Konzerne in Deutschland haben aus den Vorgängen bei Siemens gelernt", sagt der Rechtsanwalt und Korruptionsexperte Hans-Hermann Aldenhoff. Zahlreiche Unternehmen haben ihre Compliance-Systeme massiv ausgebaut. Auch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International sieht die Entwicklung positiv. „Durch den schonungslosen und öffentlichen Umgang mit seiner Vergangenheit hat Siemens in der deutschen Wirtschaft ein neues Klima im Umgang mit dem Korruptionsrisiko ausgelöst", sagte der TI-Vize in Deutschland, Peter von Blomberg, dem Handelsblatt. Hilfreich sei auch der Corporate-Governance-Kodex. Danach handelt der Vorstand pflichtwidrig und macht sich regresspflichtig, wenn er sich nicht um die Einhaltung der Regeln kümmert.
Siemens hat die Messlatte hoch gelegt (…) und hat mit dem Amerikaner Peter Solmssen einen eigenen Anti Korruptions-Vorstand. Noch beeindruckender ist die Organisation, die er unter sich hat und die verhindern soll, dass sich die Skandale wiederholen: Binnen eines Jahres stieg die Zahl der Compliance-Beschäftigten von 170 auf 521 Festangestellte. 100 weitere helfen derzeit bei der Implementierung der Systeme. Das ist schon ein mittelständischer Betrieb, der sich um diese Themen kümmert. „So viele Leute braucht man aber‘, sagt ein Konzern-Insider. „Wenn man in 190 Ländern Geschäfte macht, ist das schon nicht mehr so viel." Nur so könne sichergestellt werden, dass überall das Motto des neuen Konzernchefs Peter Löscher gelte: „Ich will nur noch saubere Geschäfte – immer und überall." Im Konzern gibt es nun zahlreiche Anlaufstellen für Mitarbeiter. Beim internen Helpdesk „Ask us" gehen jeden Monat mehrere hundert Anfragen ein. Außerdem gibt es die Anlaufstelle „Tell us" für Beschäftigte, die den Verdacht haben, irgendwo im Konzern werde gegen Richtlinien verstoßen. Allein im vergangenen Quartal nahm dieser Helpdesk 196 Hinweise entgegen, bei 125 Fällen ergab sich ein Anfangsverdacht. Insgesamt ahndete der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr rund 900 Verstöße – zumeist ging es dabei aber um Delikte wie Belästigung, Diskriminierung oder Diebstahl.“
Der neue CEO Löscher hat sich also mit einem neuen Team auf den Weg gemacht zu mehr Ethik, Verantwortung und Transparenz. Gut so. Ob sich die Praxis wirklich nachhaltig ändert, bleibt abzuwarten. Zu wünschen ist es dem Unternehmen und der Unternehmerkultur in Deutschland allemal. Dr. Volker Klenk
erstellt: 30.12.2008; geändert: 05.01.2009