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Dr. Christian Humborg: Transparency International: “Nichts verschweigen und übertünchen” (1/3)

24 Aug 2012

Teil 1: Ziele und Handlungsfelder von Transparency International

Unsere neue Interviewserie mit Transparenztreibern startet mit einem Gespräch mit Dr. Christian Humborg, Geschäftsführer Transparency Deutschland. Er liefert spannende Einsichten in die Handlungsfelder der NGO.

Wo setzt Transparency International in Deutschland die Schwerpunkte in den nächsten Jahren?
Seit Jahren setzen wir uns dafür ein, dass die Bundesregierung endlich die UN-Konvention gegen Korruption ratifiziert, wie es bereits über 160 Staaten weltweit getan haben. Dies bleibt unser wichtigstes Anliegen, aber hoffentlich nicht für die nächsten Jahre, sondern nur noch für dieses und vielleicht nächstes Jahr.
Anfang des Jahres haben wir „84 Forderungen für eine integre Republik“ veröffentlicht, aus dem weitere Schwerpunkte hervorgehen.

Kommen neue Themen und Handlungsfelder dazu, die insbesondere für Unternehmen wichtig sind?
Mit der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise wurde der Fokus sehr stark auf die Governancestrukturen, die Regulierung, den Lobbyismus und den Umgang mit Interessenkonflikten im Finanzmarktsektor gerückt. Die Frage unternehmerischer Verantwortung beim Abbau von Rohstoffen und die Bedingungen, unter denen dies geschieht, rückt zunehmend in den Mittelpunkt, unterstützt durch aktuelle Initiativen der EU-Kommission.

Wie viel Raum nimmt Ihre Rolle als Kontrolleur von unternehmerischem Handeln ein im Vergleich zu Ihrer Arbeit in den eher politischen, staatlichen Bereichen?
Zur Bestechungshandlung gehören immer zwei. Wir sprechen bei der Korruption oft von privat zu öffentlich oder von privat zu privat. Der private Sektor spielt also immer eine Rolle. Allerdings gibt der Begriff „Kontrolleur“ unsere Rolle nicht richtig wieder, denn konkrete Kontrollen bei Unternehmen führen wir nicht durch. Wir sind Mahner, Aufklärer, Kommunikator, Koalitionär und Entwickler von Standards.

NGOs verlangen typischerweise Rechenschaft und Kontrolle von Unternehmen? Sehen Sie sich in dieser Tradition und was fordert Transparency?
In der Welt des 21. Jahrhunderts verfügen Multinationals über erhebliche Macht. Macht muss kontrolliert werden und in Demokratien sind die dazu wichtigen Mechanismen Rechenschaft und Kontrolle. Daher werden in den nächsten Jahren die Anforderungen an Multinationals, wie sie ihr Geschäft betreiben, sicher zunehmen. Es ist doch seltsam, dass man noch nicht einmal weiß, wie viel Steuern Multinationals in einzelnen Ländern zahlen, obwohl sich viele von ihnen als „corporate citizen“ bezeichnen. Bei den CSR- und Nachhaltigkeitsberichten fordern wir mehr und konkretere Informationen im Bereich Antikorruption.

Haben große Korruptionsskandale der letzten Jahre wie bei MAN, Siemens, Ferrostaal Ihre Arbeit verändert?

Der Siemensskandal, aber auch die weiteren Korruptionsskandale, haben erheblich zur Bewusstseinsbildung in Deutschland beigetragen. Inzwischen weiß auch der letzte Manager am Ende des Flures, dass Auslandsbestechung in diesem Land zu Recht verboten ist. Skandale haben ja die Eigenart, dass sie oft Auslöser von Regel- und Verhaltensänderungen sind. Damit ist auch ein großer Informations-, Beratungs- und Schulungsmarkt entstanden und es gibt deutlich mehr Akteure, die sich mit Antikorruption befassen.

Gibt es in deutschen Unternehmen inzwischen ein gestiegenes Bewusstsein für Korruptionsbekämpfung?
Bei den großen Unternehmen stellen wir das zweifelsfrei fest. Ausdruck dessen sind beispielsweise die eingerichteten Compliance-Abteilungen. Im Mittelstand ist unserer Einschätzung das Bild etwas differenzierter. Das Bewusstsein ist mitunter gestiegen, aber die Anpassung von Strukturen und Prozessen ist längst noch nicht überall konsequent erfolgt.

Was rät Transparency International einem Unternehmen, das in Bezug auf Korruption Fehlverhalten in den eigenen Reihen feststellt?
Nichts verschweigen und übertünchen in der Hoffnung, dass es weg geht. Chef informieren, Sachverhalt ermitteln, Staatsanwalt einschalten, klare arbeitsrechtliche und zivilrechtliche Konsequenzen ziehen und das konsequente Vorgehen publik machen, vor allem im Unternehmen. Schwachstellen aufspüren und abstellen. Null-Toleranz-Politik verstärken.

In Ihrem Vortrag auf einer Transparenz-Tagung in Berlin im Frühjahr 2011 sagten Sie: Der Transparenzdiskurs ist auch ein Diskurs über das Verhältnis von Elite und Macht. Was meinen Sie damit?
Wissen ist Macht heißt es und je mehr Wissen transparent ist, desto weniger kann es zur Machtausübung von Eliten eingesetzt werden.

Im Grunde kämpft Transparency nicht nur gegen Korruption, sondern insgesamt für transparente Unternehmensführung. Warum?

Unser Hauptziel ist schon die Korruptionsbekämpfung. Wir haben nur festgestellt, dass ein ganz zentrales Instrument dazu eine transparente Unternehmensführung ist. Die Korruptionsbekämpfung muss eingebettet sein in Strukturen und Kulturen der Transparenz und Integrität.

In Hamburg hat Transparency Deutschland in 2011 zusammen mit anderen Organisationen eine „Volksinitiative für Transparenz“ gestartet. Dort geht es im Grunde um Lokalpolitik. Planen sie ähnliche Aktionen auf Bundesebene?
Auf Bundesebene haben wir aufgrund des Fehlens von Volksentscheiden nicht dieselben Voraussetzungen. Gleichwohl würden wir natürlich auch auf Bundesebene eine angepasste Übernahme des jüngst verabschiedeten Hamburger Transparenzgesetzes empfehlen.

Was hat die „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ noch mit den ursprünglichen Zielen von Transparency zu tun?
Wir haben festgestellt, dass im Dritten Sektor das Problembewusstsein für Korruption als auch die Korruptionsbereitschaft eher gering ausgeprägt sind – im Gegensatz zu Staat und Wirtschaft. Wir glauben, dass Transparenz ein geeigneter Weg ist, um das Problembewusstsein für Korruption in der Zivilgesellschaft zu stärken.

Häufig wird NGOs vorgeworfen, sie seien selbst nicht transparent. Wie steht es damit bei Transparency International?

Unsere Strukturen, wie Vorstand und Beirat, und alle wichtigen Governancedokumente sind online. Alle Personen, die bei uns Verantwortung übernehmen, müssen ihre Interessen, die zu möglichen Interessenkonflikten führen könnten, in einem öffentlichen Interessenregister angeben. Alle Zuflüsse über 1.000 Euro werden centgenau veröffentlicht. Ich glaube schon, dass wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt sind.

Bei der Diskussion um Wikileaks weisen Sie auf eine paradoxe Situation hin: Offenbar braucht es ein hohes Maß an Geheimhaltung, wenn es um diese Art des Öffentlichmachens geht. Welche Entwicklungen müssen Unternehmen hier antizipieren?
Wikileaks war für mich ein Versagen der klassischen Medienhäuser, sichere elektronische Briefkästen anzubieten. Inzwischen haben in Deutschland Die Zeit, die taz, oder Der Westen eigene elektronische Briefkästen eingerichtet. Diese elektronischen Briefkästen sind natürlich gerade für Menschen, die in repressiven Staaten leben, äußerst wichtig und nützlich.

Mit welchen Zielen und Themen beschäftigt sich Ihre Arbeitsgruppe „Transparenz in den Medien“?

In diesem Bereich gibt es eine ganze Reihe von Themen, die man sich vornehmen könnte: Trennung von Journalismus und PR, Nebentätigkeiten von Journalisten, Compliancestrukturen bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und den Verlagen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sehen Sie in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft auch Rückschritte in Bezug auf Transparenz?

Hier und da sieht man schon Rückschritte. Zum Beispiel tagt der Sportausschuss des Bundestages inzwischen nicht mehr öffentlich, obwohl er das früher getan hat. Das ist ein Rückschritt. Aber insgesamt geht der Trend eindeutig hin zu mehr Transparenz.

Die Fragen stellte Dr. Volker Klenk.

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