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Dr. Christian Humborg: Transparency International: “Korruption gefährdet Reputation” (2/3)

5 Sep 2012

Teil 2: Kampagnen und Maßnahmen

Unsere neue Interviewserie mit Transparenztreibern geht weiter mit der Fortsetzung des Gesprächs mit Dr. Christian Humborg, Geschäftsführer Transparency Deutschland. Er liefert interessante Einsichten in die für Transparency typischen Kampagnen und Maßnahmen.


Wie würden Sie die Unterschiede in der Interessensdurchsetzung beschreiben zwischen Greenpeace und Transparency International?

Greenpeace ist exzellent darin, sehr zugespitzt auf gesellschaftliche Konflikte hinzuweisen. Wir nennen uns „Koalition gegen Korruption“, weil wir glauben, dass wir in unserem Themenfeld am meisten bewirken können, wenn wir mit veränderungswilligen Akteuren in Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Das wiederum heißt nicht, dass wir nicht klar kommunizieren, wenn Dinge nicht richtig laufen.

Wären Sie nicht manchmal gerne ein bisschen mehr Greenpeace, ein bisschen radikalen und emotionaler?
Ich bin mir nicht sicher, ob Emotionalität und Radikalität vollständig korrelieren. Im eigentlichen Sinne verstehen wir uns als radikal, weil wir uns an die Wurzeln der Korruption machen. Emotionalität ist bei Korruption gar nicht so leicht, weil Korruption kaum visibel ist. Sicher gibt es den Koffer mit Geld an der Autobahnraststätte, aber die Bilder eines verdreckten Flusses oder eines arbeitenden Kindes lösen erheblich höhere Empathie aus, als zwei Geschäftsleute, die einen korrupten Deal machen. Gerade in der Wirtschaft funktioniert die nüchterne Argumentation oft besser als die moralisierende: Korruption ist kein vernünftiges Geschäftsmodell, sondern gefährdet auf Dauer Innovation, Konkurrenzfähigkeit und Reputation.

Haben sich die Methoden von Transparency verändert?

Wir haben seit diesem Jahr eine Transparenz-Rangliste von 105 Multinationals. Bisher haben sich unsere quantitiven Indizes auf Länder fokussiert. Dies sehe ich schon als eine strategische Veränderung an. Dies heißt aber nicht, dass wir den politischen Bereich aus den Augen verlieren. Vor wenigen Wochen haben wir den Bericht „Money, Politics, Power“ zur Integrität von Politik und Verwaltung in Europa veröffentlicht.

Bedienen Sie sich heutzutage anderer Instrumente als noch vor 5 oder 10 Jahren?
Ich glaube, wir haben stärker erkannt, dass es oft wichtig ist, anhand von konkreten Fällen Reformbedarf aufzuzeigen. Wenn man Strukturen verändern will, muss man das auch exemplifizieren können.

In 2011 hat Transparency eine Klage angestrengt gegen die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Bedeutet dieses Vorgehen eine Abkehr ihrer traditionell kooperativen Vorgehensweise?
Wir haben ja zunächst ganz freundlich eine Informationsfreiheitsanfrage gestellt. Da diese rechtswidrig nicht beantwortet wurde, hielten wir es für konsequent, zu Gericht zu gehen und haben ja auch Recht bekommen.

Inwiefern setzen Sie auf das Internet und Social Media, um für Ihre Anliegen Unterstützung zu mobilisieren?

Die Öffnung in den digitalen Raum ist für alle zivilgesellschaftlichen Organisationen eine wichtige Aufgabe und eine große Herausforderung. Auf Twitter und Facebook haben wir deshalb schon vor langer Zeit gesetzt.

Welche Rolle spielen bei Transparency grenzübergreifende Kampagnen und Themen?
Wirklich international kohärente Kampagnen spielen bei Transpareny keine zentrale Rolle. Dies hat auch damit zu tun, dass Transparency dezentral strukturiert ist. Wir haben in über 80 Ländern nationale Organisationen, aber wir haben keine internationale Zentrale, sondern ein internationales Sekretariat. Das ist bei der Korruptionsbekämpfung meines Erachtens auch die richtige Strategie, da wir sehr stark in die Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen Traditionen, Kulturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hinein wirken müssen, wenn wir was verändern wollen. Gleichwohl gibt es durchaus internationale konzertierte Aktionen, wie zum Beispiel zur UN-Konvention gegen Korruption oder zu G 20.

Welche Rolle spielen Kooperationen mit anderen Transparenztreibern in ihren Durchsetzungsstrategien?
Als „Koalition gegen Korruption“, wie wir uns selbst bezeichnen, sind Kooperationen ein ganz wichtiges und häufig genutztes Instrument. Beispiele sind CorA, OECD Watch, FragDenStaat.de, Finance Watch, ALTER-EU, eine Kampagne mit Campact, Lobbycontrol und Mehr Demokratie zu Nebeneinkünften von Bundestagsabgeordneten, die Hamburger Volksinitiative „Transparenz schafft Vertrauen“ mit Mehr Demokratie und dem Chaos Computer Club, die RESIST-Broschüre, die mit der ICC, dem World Economic Forum und dem UN Global Compact erstellt wurde, oder eine Veranstaltung mit dem dbb – Deutschen Beamtenbund.

Welche anderen Transparenztreiber sind Ihre wichtigsten Verbündeten?

Ich sehe hier keine besonders hervorzuhebene Organisation. Bemerkenswert ist aber, dass sich, wie bei der Umweltbewegung oder im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit in der Vergangenheit gerade zahlreiche Organisationen rund um Transparenz gründen, wie die Open Knowledge Foundation Deutschland, die Digitale Gesellschaft, das Open Data Network, Liquid Democracy und viele mehr. Die beiden einzigen Akteure in dem Bereich waren lange der FoeBud und der Chaos Computer Club.

Welches Unternehmen hat für Sie durch die Kooperation mit Transparency beispielhaft den Wandel geschafft zum vorbildlichen Unternehmen?
Es wäre vermessen, wenn wir uns zuschreiben wollten, dass nur durch die Kooperation mit uns ein Unternehmen vom Saulus zum Paulus geworden sei. Die dafür notwendigen Prozesse müssen im Unternehmen gesteuert werden. Wichtig sind die Menschen in den Unternehmen, und was sie bewirken. Wir können dabei nur unterstützen.

Die Fragen stellte Dr. Volker Klenk.

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