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Dr. Christian Humborg: Transparency International: “Transparenz ist eine Frage des Geschäftsmodells” (3/3)

28 Sep 2012

Teil 3: Unternehmerische Transparenz

Unsere neue Interviewserie mit Transparenztreibern geht weiter mit dem letzten Teil des Gesprächs mit Dr. Christian Humborg, Geschäftsführer Transparency Deutschland. Darin geht es um Korruption, Compliance und Transparenzstrategien von Unternehmen.

Nicht selten bewegt sich unternehmerisches Handeln im Spannungsfeld von geheim, unanständig, illegal. Welche Erfahrungen machen Sie dabei mit Unternehmen?
Geheim heißt nicht unanständig und unanständig heißt nicht illegal. Gleichwohl ist das illegale meist unanständig und das unanständige oft geheim. Daher bleibt Transparenz ein wichtiges Instrument, wenn Unternehmen legal und anständig handeln wollen. Vor allem wollen ihre Mitarbeiter lieber in anständigen Unternehmen arbeiten.

Wächst Ihrer Ansicht nach die Anzahl der Unternehmen, die eine belastbare Transparenzstrategie verfolgen?
Eine wirkliche „Transparenzstrategie“ kann ich nicht entdecken. Gleichwohl gibt es zunehmend „Transparenzherde“ in Unternehmen, wenn beispielsweise Verstöße gegen Umwelt- oder Arbeitsschutzstandards in Nachhaltigkeitsberichten veröffentlicht werden. Korruptionsverstöße werden dagegen, wenn möglich, immer noch gern geheim gehalten.

In Unternehmen wachsen die Seitenzahlen der Compliance-Richtlinien. Oft wächst im gleichen Umfang die Verunsicherung der Mitarbeiter, was noch erlaubt ist und was nicht. Wurde diese Schraube überdreht?
Grundsätzlich nein. Einzelfälle mag es geben. Gerade bei Verhaltensstandards ist Verbindlichkeit wichtig und für Verbindlichkeit ist Schriftlichkeit wichtig. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Kultur nicht nur auf dem Papier steht, sondern gelebt wird, und dass die Selbstverantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestärkt wird.

Kann Transparency dabei helfen, bei Korruptionsrichtlinien und Complianceregeln die richtige Balance zu finden?
Solche Richtlinien und Regeln müssen dem Unternehmen angepasst sein, der Struktur, den Produkten und der Kultur. Das gleiche gilt für die Umsetzungsstrategien. Dafür müssen und sollen die Unternehmen selbst verantwortlich bleiben. Wir geben Empfehlungen und haben verschiedene Checklisten, die Unternehmensverantwortlichen dabei helfen sollen, für ihr Unternehmen eine effektive Umsetzung zu erreichen.

Wer bzw. welche Funktionen werden auf Unternehmensseite eingebunden bei Gesprächen mit Transparency? Sind das immer die richtigen Ansprechpartner?

Wichtige Ansprechpartner sind für uns natürlich die Chief Compliance Officer, da es ihr täglich Brot ist, die Rechtstreue des Unternehmens sicherzustellen. Je nach konkreter Situation können aber auch die Leitungsebene, die CSR-Abteilungen und die Public-Affairs-Abteilungen, sowie die Bereiche mit erhöhten Korruptionsrisiken, wie Einkauf oder Vertrieb einbezogen sein.

Die Erwartungshaltung vieler Stakeholder an Transparenz von Unternehmen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Haben die Unternehmen darauf bereits die richtigen Antworten?
Ich denke, sehr viele Unternehmen noch nicht. Die Erwartungen der Konsumenten und Bürger haben sich erheblich erhöht, aber viele Unternehmen haben darauf noch nicht ausreichend reagiert.

Welche Erfahrungen machen Sie in der Zusammenarbeit mit Unternehmen?
Transparency Deutschland hat rund 1.200 Mitglieder, darunter 32 Unternehmen. Dazu gehören viele Großunternehmen wie Allianz, Lufthansa, Robert Bosch und SAP. Mit den Unternehmen erleben wir eine gute Zusammenarbeit. Die Mitgliedschaft von Unternehmen ermöglicht uns auch, durch Rückspiegelung unserer Überlegungen unsere Forderungen an den Realitäten des betrieblichen Alltags auszurichten und unser eigenes Know-how zu erweitern.

Siemens war bis zum Korruptionsskandal 2006 korporatives Mitglied bei Transparency. Das Unternehmen wurde dann rasch ausgeschlossen. Könnte Siemens inzwischen wieder Mitglied werden?

Das ist eine hypothetische Frage. Wir werben nicht aktiv um Unternehmen als Mitglieder. Die Frage würde sich stellen, wenn Siemens auf uns zu käme.

Wie viele solchen Ausschluss-Fälle gab es bei Transparency International weltweit in den letzten Jahren?

Längst nicht in allen nationalen Organisationen von Transparency können Unternehmen Mitglieder werden wie bei Transparency Deutschland. Überdies unterscheiden sich die Kriterien der Mitgliedschaft. Aufgrund unseres dezentralen Charakters gibt es daher auch keine allumfassende Liste. In Deutschland war Siemens der einzige Fall dieser Art.

Was hat ein Unternehmen von einer korporativen Mitgliedschaft bei Transparency Deutschland?
Der wichtigste Vorteil ist das Signal gegenüber den Mitarbeitern, Investoren und Geschäftspartnern, dass Korruption für dieses Unternehmen nicht zur Geschäftspraxis gehört. Weiterhin gibt es mindestens einmal jährlich einen Erfahrungsaustausch zwischen den korporativen Mitgliedern. Die Unternehmen haben, wie alle unsere Mitglieder, unmittelbaren Zugriff auf alle Informationen, die wir regelmäßig produzieren. Schließlich tut das Unternehmen auch etwas Gutes für die Gesellschaft.

Suchen Sie noch korporative Mitglieder oder können Sie sich vor Anfragen gar nicht retten?

Wir freuen uns über jedes Unternehmen, dass sich klar gegen Korruption positioniert. Wir würden uns wünschen, dass sich noch mehr Unternehmen bereit fänden, hier klar Flagge zu zeigen, zum Beispiel durch eine Mitgliedschaft. Wir betreiben keine Akquisition.

Wer sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Treiber in Unternehmen für mehr Transparenz?

Das können sehr unterschiedliche Personen oder Abteilungen sein. Das ist oftmals die Unternehmensführung, aber das kann auch aus den CSR-Abteilungen oder den Presseabteilungen kommen. Letztere leiden nämlich oft darunter, wenn sie den Journalisten die Nichtkommunikation „verkaufen“ müssen.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Stakeholderdialogen, die von Unternehmen angestoßen werden?
Die Gefahr bei Stakeholderdialogen ist, dass sie zu Ritualen werden, ohne dass sich was im Unternehmen verändert. Wenn nur geredet wird, ohne dass sie Veränderungen bewirken, haben sie auf Dauer keinen Sinn. Gleichwohl ist es wichtig für viele zivilgesellschaftliche Organisationen, den betrieblichen Alltag näher kennenzulernen, und für Unternehmen, die berechtigten Forderungen der Zivilgesellschaft besser zu verstehen. Wir haben eine Form des Stakeholderdialogs ja bereits durch das Instrument der korporativen Mitgliedschaft in unsere Governancestruktur integriert.

Welche Rolle kann Transparenz in der Markenführung spielen?

Für mich ist Transparenz eher eine Frage des Geschäftsmodells als der Markenführung, denn Transparenz zielt ja zu ganz wesentlichen Teilen in das Unternehmen hinein. Dort kann es Innovation ermöglichen und Zusammenarbeit verbessern. Nach außen wird Transparenz auch deshalb wichtiger, weil Beweberinnen und Bewerber dies erwarten. Wer will schon gern in einer verschlossenen Auster arbeiten.

Welche Unternehmen sind aus Ihrer Sicht vorbildlich transparent?
Transparency hat vor kurzem eine Transparenz-Rangliste von 105 Multinationals veröffentlicht. Da kann man es nachlesen. Von den sieben Unternehmen aus Deutschland, die dort aufgeführt sind, hat BASF am besten abgeschnitten, nämlich auf Platz sieben.

Wo sehen Sie mehr Nachholbedarf: Bei deutschen börsennotierten Multinationals oder bei inhabergeführten Unternehmen bzw. Mittelständlern?
Allein schon aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen ist der Nachholbedarf bei den Mittelständlern und inhabergeführten Unternehmen größer, auch wenn es bei diesen positive Ausnahmen gibt.

Sehen Sie große Themenfelder, zu denen Unternehmen heute noch sehr intransparent sind, die jedoch große Reputationsrisiken bergen?

Ich glaube, dass im Zuge der Armut der öffentlichen Hand und der staatlichen Verschuldungsprobleme, die durch die Rettung der Banken erheblich verschärft wurden, das Thema der Schattenfinanzzentren an Bedeutung gewinnen wird. Unternehmen, die beispielsweise ihre geistigen Eigentumsrechte in Schattenfinanzzentren verlagern um Steuerlast zu minimieren, werden sich zukünftig öfter fragen lassen müssen, ob das verantwortliches Unternehmertum ist, denn diese Schattenfinanzzentren bietet auch einen Schutzraum für das Geld der Waffenhändler, Menschenhändler, Drogenbarone und korrupten Diktatoren. Ein weiteres wichtiges Themenfeld ist der Rohstoffsektor. Unternehmen sind dafür mitverantwortlich, unter welchen Bedingungen Rohstoffe gewonnen werden, und was dann entlang der Wertschöpfungskette bis zum Endprodukt geschieht.

Welche Unternehmen, welche Branche müsste längst viel transparenter sein?
Die Finanzinstitutionen haben in unserer Transparenz-Rangliste am schlechtesten abgeschnitten. Außerdem ist die Erwartungshaltung besonders hoch, denn nachdem wir Steuerzahler viele von ihnen vor dem Konkurs gerettet haben, kann ja mindestens erwartet werden, dass deutlicher klar wird, was mit unserem Geld geschieht.

Die Fragen stellte Dr. Volker Klenk.

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