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Corporate Transparency: Geleitwort von Peter Eigen

5 Okt 2009

Transparenz und Vertrauen spielen für Unternehmen eine immer bedeutendere Rolle. Der Korruptionsskandal bei Siemens zeigt, neben den negativen Auswirkungen auf die Reputation des Unternehmens, dass die mediale Öffentlichkeit gegenüber Korruption und ethischem Fehlverhalten sensibler geworden ist. Die neue Siemens-Geschäftsführung musste große Anstrengungen unternehmen, das ramponierte Image des Konzerns wieder aufzupolieren und die Geschäftspraktiken zu verändern. Der neue Siemens-Vorstandschef Peter Löscher betont: „Er wolle nur noch saubere Geschäfte.“ Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, als einen vollkommenen Neustart für das Traditionsunternehmen zu wagen.

Die Themen Transparenz, verantwortliches Handeln und Compliance müssen Teil der Unternehmenskultur sein. Denn jeder Skandal in großen Wirtschaftsunternehmen zerstört Vertrauen der Öffentlichkeit in unser Wirtschaftssystem, in die Integrität der Unternehmen und ihrer handelnden Personen.

Die Erfolge bei der Korruptionsbekämpfung in den letzten Jahren geben Anlass zur Hoffnung, auch wenn es noch viel zu tun gibt. Die Schlupfwinkel für Korruption werden immer kleiner und weniger, eine Entwicklung, die sich schon im Global Corruption Report 2003 von Transparency International widerspiegelte. Die Bekämpfung von unethischem und intransparentem Verhalten konnte mit Hilfe internationaler Initiativen wie der 1997 unterschriebenen Konvention gegen die Bestechung ausländischer Amtsträger der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der UN-Konvention gegen Korruption von 2004 verbessert werden.

Diese internationalen Abkommen setzten auch ein klares Zeichen an die Privatwirtschaft, dass Korruption und Bestechlichkeit nicht tolerierbar sind. Trotz aller Verbesserungen gehen Schätzungen der Weltbank davon aus, dass Korruption der Weltwirtschaft einen jährlichen Schaden von 1 Billion US-Dollar zufügt und immer noch die Entwicklung vieler Staaten massiv behindert. Trotzdem ist in den letzten Jahren viel erreicht und verbessert worden, wenn man beispielsweise bedenkt, dass es noch bis 1999 nach deutschem Recht erlaubt war, Beamte anderer Staaten zu bestechen und diese Zahlungen sogar von der Steuer abzusetzen.

Die 1999 von Transparency International erarbeiteten „Business Principles against Bribery“ waren als eine Ergänzung zur OECD-Konvention von 1997 gedacht, um nicht nur die Durchsetzung und Verfolgung von Bestechlichkeit im Amt durch Staaten zu erreichen, sondern das Thema auch in der Privatwirtschaft zu verankern. Ein Schlüssel zum Erfolg der Business Principles war die Ausgewogenheit zwischen einem Compliance-Element und einem auf Werten und Freiwilligkeit basierenden Ansatz. Sie wurden als „Werkzeug“ für Unternehmen entwickelt, sich einerseits selbst auf Bestechlichkeit zu überprüfen und andererseits ein eigenes Benchmarking für bereits bestehende Maßnahmen durchzuführen.

Dabei wurde berücksichtigt, dass ein reiner Compliance-Ansatz zu kurz greift, beziehungsweise gerade für global agierende Unternehmen Schwierigkeiten mit sich bringt, die durch unterschiedliche und komplexe nationale Regulierungen und Gesetzgebungen entstehen. Eine transparente und auf Freiwilligkeit gegründete Unternehmenskultur bietet gegen Bestechlichkeit und Korruption langfristig einen effektiven Schutz, wenn es gelingt, sie zu einem Teil der Unternehmenswerte zu machen – ein oftmals langwieriger und kostenintensiver Veränderungsprozess, der sich aber lohnt.

Transparenz wird in den letzten Jahren immer stärker von verschiedenen Stakeholdern der Unternehmen eingefordert. Die Einsicht, dass langfristiges und verantwortungsvolles Handeln sowie Transparenz dem Unternehmen nutzt, setzt sich immer stärker durch. Am Thema Unternehmensverantwortung (Corporate Responsibility) kommt heute kein börsennotiertes Unternehmen mehr vorbei. Der Druck ihrer Beteiligungsgruppen, „Best Practices“ zu erarbeiten und einzuhalten, ist einfach zu groß geworden. Die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung, die Hinwendung zu Nachhaltigkeit und immer aufwendigere Reportings zeigen, dass das Thema Verantwortung, Offenheit und Transparenz in den Unternehmensstrategien Einzug gehalten hat.

Transparenz und Offenheit von Unternehmen sollen und können kein Selbstzweck sein. Es gibt immer auch Grenzen von Transparenz, wenn es beispielsweise um die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen gegenüber Wettbewerbern geht. Die Regeln und Gesetze, gerade auch was Korruption angeht, müssen selbstverständlich eingehalten werden. Das ist vollkommen alternativlos und bei Nichteinhaltung drohen langfristiger Vertrauensverlust und Imageschaden, wie es nicht nur bei Siemens international zu beobachten war.

Freiwillige Unternehmensethik wird in Zukunft eine bedeutende komplementäre Rolle spielen. Es kann nicht mehr das Prinzip gelten, „wenn ich nicht besteche, dann tut es ein anderes Unternehmen und erzielt damit einen Wettbewerbsvorteil“. Diese Aussagen haben sich in der jüngeren Vergangenheit als Mythos und als Ausreden entpuppt. Die Überwachung durch Medien, Nichtregierungsorganisationen und andere Stakeholder des Unternehmens wird die Vertuschung solcher illegaler Praktiken international weiter eindämmen.

Obwohl die großen Unternehmensskandale fast immer verschärfte gesetzliche Regeln nach sich ziehen, liegt die Zukunft der Unternehmenskultur und Wertschöpfung in einer aktiven freiwilligen Öffnung. Es geht darum, Koalitionen zu bilden, damit Unternehmen nicht den Eindruck haben, die „Dummen“ zu sein und Wettbewerbsnachteile zu haben, wenn sie sich nach innen und nach außen transparent zeigen. Die gegenwärtige Krise lenkt den Fokus der Unternehmen zunächst vielleicht auf andere Themen – wenn sie auch den Blick auf die Unzulänglichkeit des gegenwärtigen globalen Regierungssystems schärfen –, aber Vertrauen und Transparenz als Teil der Unternehmensbewertung werden nicht wieder von der Agenda der Stakeholder verschwinden.

Das vorliegende Buch leistet einen wertvollen Beitrag dazu, Transparenz und Vertrauen auf Unternehmensseite aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und zu untersuchen. Die Beiträge aus theoretischer und praktischer Sicht helfen dabei, sich den Chancen und Risiken, die das Thema mit sich bringt, ganzheitlich zu nähern.

Peter Eigen
Gründer Transparency International
Chairman Extractive Industries Transparency Initiative (EITI)
Berlin, im Februar 2009

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