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Historische Entwicklung unternehmerischer Transparenz in den USA

24 Jan 2012

Unternehmen müssen künftig immer detaillierter über ihr Handeln Rechenschaft ablegen. Wir leben im Zeitalter der Transparenz. Stimmt das? Ist dies eine anhaltende, unumkehrbare Entwicklung? Betrachtet man nüchtern die historische Entwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen für Transparenz von Unternehmen in den USA, dann lautet die Antwort: Ja.

Die Autoren des Buches „The Naked Corporation“, Don Tapscott und David Ticoll, haben diese Entwicklung in ihrem Essay „History’s Long Wave of Transparency“ analysiert und beschrieben. Sie zeigen anhand zahlreicher historischer Belege, dass sich die Entwicklung von unternehmerischer Transparenz irreversibel und exponentiell in alle unternehmerischen und gesellschaftlichen Bereiche ausdehnt. Sie kommen zu dem Schluss: Transparenz geht einher mit steigernder Komplexität von Prozessen, die wiederum für ein Verlangen nach noch mehr Transparenz sorgen. Die Geschichte der unternehmerischen Transparenz ist sowohl von periodischen Krisen als von einer konstanten, linearen Weiterentwicklung geprägt.

Die Anfänge
Vor dem Aufkommen des Kapitalismus war unternehmerische Transparenz praktisch nicht existent. Staat und Kirche waren stark miteinander verschmolzen, und der Zugang zu Bildung und Wissen wurde von kleinen mächtigen Zirkeln streng, oftmals auf drakonische Art und Weise, kontrolliert und gesteuert. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg eröffnete zwar neue Möglichkeiten, Informationen zu verbreiten, doch Bücher waren zunächst teuer und nur vergleichsweise wenige Menschen konnten überhaupt lesen.

Erst mit der Entdeckung und Besiedelung der Neuen Welt, sowie der damit einhergehenden Industrialisierung im Laufe des 18. Jahrhunderts, änderten sich die Rahmenbedingen.

Telegramm und Eisenbahn
Einen Durchbruch in der überregionalen Kommunikation brachte die Erfindung des Telegramms. Erstmals schienen die Grenzen von Zeit und Raum aufgehoben und Nachrichten konnten blitzschnell von einer Seite des Landes zur anderen übermittelt werden. Die Erfindung war bahnbrechend und sollte ganze Industrien geradezu über Nacht verändern. Zudem war es Staaten nun möglich, sich schnell mit ihren entfernten Kolonien und Bündnispartnern auszutauschen.

Gemeinsam mit der Einführung der Eisenbahn war das Telegramm eine treibende Kraft, welche die Bildung von transparenteren Märkten und die Vereinheitlichung von Preisen in den USA erst ermöglichte.

Der erste große Gründerboom
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war es US-Bürgern nicht ohne weiteres möglich, ein Unternehmen zu gründen. Gründungsurkunden erteilte ausschließlich der Staat. Erst die neue Unternehmensform der Limited Liability Company ermöglichte einen rasanten Anstieg von Unternehmensgründungen. Insbesondere die Eisenbahnunternehmer überhäuften in dieser Zeit Politiker mit Geld, Firmenanteilen und Freifahrten, um so an das begehrte Land für ihre Expansion zu kommen. Mit Erfolg. Allein zwischen 1850 und 1857 verschenkte der Staat 25 Millionen Morgen Land an die Eisenbahnbarone. Deren Aktien stiegen auf immer neue Höchstwerte. Es kam zu einer ersten Spekulationsblase, an deren Ende die Aktienkurse gewaltig einbrachen. Viele Eisenbahnunternehmen gingen in der „Railway-Bubble“ pleite. Aktionäre und Gläubiger verloren riesige Summen.

Chaotische Zustände
Doch nicht nur die Eisenbahnindustrie war von chaotischen Umständen geprägt. In den meisten Branchen gab es hunderte von Unternehmen – aber keine Regeln. Der Wettbewerb war oftmals skrupellos, Geschäftsleute griffen zu barbarischen Methoden, um ihre Konkurrenten auszuschalten. Die US-Wirtschaft schaukelte unkontrollierbar zwischen Boom und Krise hin und her, Preise zogen an, Banken versagten, Investoren verarmten. Das Telegramm und die Presse hatten Wirtschaftsprozesse zwar etwas transparenter gemacht, doch waren sie weit davon entfernt, ein offenes Buch für die Mehrheit der Bevölkerung zu sein.

Presse sorgt für Transparenz bei Aktienkursen
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts galt die New York Stock Exchange (NYSE) als Dreh- und Angelpunkt der US-Finanzwirtschaft. Die Anfangszeit der Börse war von Glücksspiel, Bestechung, Betrug und Hinterzimmer-Deals bestimmt. Die Aktienpreise waren den meisten Leuten außerhalb des NYSE nicht bekannt. Das änderte sich erst 1889 mit der Gründung des Wall Street Journal durch Dow Jones. Ab 1896 veröffentlichte die Zeitung täglich den Dow Jones Index und sorgte so für einen Wandel an der Wall Street. Die Inhalte der meisten anderen Finanzblätter waren noch bis 1929 von bezahlten Platzierungen bestimmt, die weit entfernt von objektiver Berichterstattung waren. Auch gab es immer noch keine Zentralbank in den USA, oder andere Maßnahmen, die den Finanzmarkt regulieren konnten.

Intransparente, mächtige Strukturen

Nur aggressive Interventionen des Staates führen zu jenen Zeiten zu Transparenz. Beispielhaft dafür sind die Erkenntnisse, die das Pujo Committee des US-Kongresses zwischen 1912 und 1913 ans Tageslicht beförderte: Niemand ahnte, welche Ausprägungen an Verflechtungen der „Money Trust“ erreicht hatte: Ein paar Dutzend Partner von J.P. Morgan und drei weiteren Banken besetzten 341 Aufsichtsratsmandate in 112 Firmen mit einer für damalige Zeiten gigantischen Marktkapitalisierung von 22 Milliarden US-Dollar.

Diese bis dahin intransparente Kapital- und Machtballung löste diverse Aktivitäten des Staates aus: Woodrow Wilson verabschiedete den Federal Reserve Act, der zur Gründung der Zentralbank führte und etablierte 1914 die unabhängige Bundesbehörde Federal Trade Commission für die Überwachung von Wettbewerbsverstößen.

Börsencrash 1929 zeigt Risiken von Intransparenz
Doch es brauchte den bis dahin größten Kollaps der Finanzsysteme, bevor Transparenz eine feste Größe in der Welt des Geldes und der Börsen wurde. Im Vorfeld des Börsencrashs von 1929 wurden viele wertlose Aktien von Investmentbanken wie Goldman Sachs aufgebläht, ohne von Substanz zu sein. Erst der Crash an den Börsen brachte Licht ins Dunkel und stellte so die Aktivitäten großer Finanzfirmen in Frage, die sich hinter verschlossenen Türen abspielten. Banker spekulierten an der Börse hinter dem Rücken ihrer Kunden mit deren Einlagen, mit der Absicht, sich dadurch persönlich zu bereichern. Viele verloren das Geld ihrer Kunden, die am Ende für ihr blindes Vertrauen bestraft wurden.

Roosevelt sorgt für Transparenz

Der Crash und die anschließende „große Depression“ in den 1930er Jahren führten zu bedeutenden Regulierungen der Finanzbranche durch den Gesetzgeber. Zu viele amerikanische Familien hatten zu viel verloren. Die Menschen hatten Angst. Das Vertrauen in die Finanzmärkte war erodiert.

1933 wurde der „Securities Act“ vom Kongress verabschiedet, die erste offizielle Regulierungsmaßnahme zur Wahrung wirtschaftlicher Sicherheit. Dieses Gesetz zwang den amerikanischen Finanzapparat erstmals zu mehr Transparenz. Von US-Präsident Roosevelt verabschiedet, sah der Securities Act vor, dass Verkäufer und Händler von Aktien neue Wertpapiere bei der Federal Trade Commission registrieren und zugleich Zusatzinformationen zu diesen veröffentlichen müssen.

1934: Geschäftsberichte werden Pflicht
Als nächstes verabschiedete Roosevelt 1934 den Securities Exchange Act. Dieser sah vor, dass Investmentbanker für ihr Handeln gegenüber den staatlichen Behörden verantwortlich waren. Auch hier war Transparenz ein zentrales Element. Wer falsche Informationen angab wurde strafrechtlich verfolgt. Dies galt sowohl für Einzelpersonen als auch für Unternehmen. Unternehmen wurden erstmals gezwungen, pro Quartal und Jahr Finanzreports einzureichen. Auch Investmentbanken mussten dies tun, wollten sie zusätzliche Aktien anderer Unternehmen platzieren. Diese Maßnahme war revolutionär, da Unternehmen in den USA zuvor nie Auskünfte über ihre Finanzen gaben.

Roosevelts Anstrengungen waren insofern wegweisend, als dass sie die Grundlagen für die Integration unternehmerischer Transparenz in der Finanzbranche legten.

Kulturwandel in den 1960er Jahren
Die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen änderten sich ab den 1960er Jahren stark. Ebenso die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber Unternehmen. Dies und verschiedene schockierende Skandale trugen dazu bei, dass Intransparenz immer stärker in die Kritik kam.

Unter anderem kam zu jener Zeit heraus, dass sich Führungskräfte diverser großer Unternehmen wie GE oder Westinghouse zu illegalen Preisabsprachen trafen. Diese versuchten ihre Spuren dadurch zu verwischen, dass sie sich in Jagdhütten zu geheimen Treffen verabredeten, nur öffentliche Telefone zur Korrespondenz nutzten und sich Codenamen gaben. Vor Gericht gaben die CEOs der Unternehmen an, nichts von den Unternehmungen ihrer Führungskräfte gewusst zu haben. Diese Ereignisse hatten jedoch wiederum zur Folge, dass die US-Präsidenten Kennedy und Johnson neue Gesetze zur Regulierung von Geschäftspraktiken verabschiedeten.

Die nächste Krise, die nächste Regulierungswelle

Ende der 1990er Jahre kam es zu einem unvergleichlichen Hype rund um sogenannte New-Economy-Firmen. Wieder kam es zu groben Verfehlungen und Bilanzskandalen. 2003 akzeptierten zehn Wall-Street-Unternehmen eine Gesamtstrafe von 1,4 Milliarden US-Dollar für das Ausüben korrupter Praktiken, wie zum Beispiel dem Fälschen von Jahresabschlüssen oder Bestechung. Die CEOs jener Unternehmen erkauften sich dadurch Straffreiheit. Laut Economist entsprach die Summe jedoch nur einem kleinen Prozentsatz dessen, was die Unternehmen zu Zeiten des Booms verdient haben. Die zwei Organisationen, die solche Skandale verhindern sollten, der NYSE und die National Association of Securities Dealers (NASD), erwiesen sich als zahnlose Tiger.

Parallelen zu 1929

Die Ereignisse rund um die Jahrtausendwende ähnelten stark denen von 1929. Kartenhäuser, die in sich zusammenfielen, falsche Bilanzangaben, überbezahlte Verantwortliche, von Interessenskonflikten geplagte Börsenspekulanten, oder auch Aufsichtsräte die nicht in der Lage waren, die dubiosen und langfristig zerstörerischen Praktiken zu unterbinden.

Unterschiede zu 1929
Doch es gab auch einige ermutigenden Unterschiede zu 1929: Zum einen war die Integrität des Finanzapparates nicht ernsthaft gefährdet. Auch war Transparenz bereits eine treibende, reinigende Kraft. Whistleblower machten dem Treiben von Unternehmen wie Enron, Andersen, WorldCom und anderen ein Ende. Große institutionelle Investoren wie CalPERS setzten den Kongress unter Druck und forderten strengere Regulierungen. Andere Investoren zogen sich aus Märkten zurück, sorgten damit für massive Wertverluste und sendeten darüber unmissverständliche Signale an die Regulierungsbehörden, dass diese dringend handeln müssen. Viele Unternehmen stellten ihre Corporate Governance Regeln in Frage und begannen diese zu überarbeiten.

Mehr Transparenz durch Sarbanes-Oxley Act
Wieder handelte der Gesetzgeber. Das Sarbanes-Oxley Act von 2002 stellt hierbei ein besonders weitreichendes, Transparenz förderndes US-Bundesgesetz dar. Unter anderem brachte seine Einführung folgende Neuerungen:

  • Bestätigung der Ordnungsmäßigkeit der Abschlüsse (ähnlich einer eidesstattlichen Erklärung) durch den CEO und den CFO
  • Rückzahlung erfolgsabhängiger Vergütungen von CEO und CFO im Falle unrichtiger Abschlüsse, die nachträglich zu Korrekturen führen
  • Verbot der Darlehensgewährung an das Management
  • Regelungen zur Unabhängigkeit und verschärften Haftung von Wirtschaftsprüfern (Rotation der Audit-Partner, Interessenkonflikte etc.)
  • Erweiterte finanzielle Offenlegungspflichten (z.B. über das interne Kontrollsystem)
  • Schaffung einer neuen und unabhängigen Aufsichtsbehörde über die Wirtschaftsprüfer: Public Company Accounting Oversight Board (PCAOB) mit weitreichenden Überwachungsrechten
  • Beweismittel zu vernichten, wie Andersen es im Fall Enron tat, wird mit einer Haftstrafe von bis zu 20 Jahren bestraft; Aktionären Gewinne vorzuenthalten mit bis zu 25 Jahren
  • Whistleblower, die Informationen über Verletzungen von Regeln im Sarbanes-Oxley Act bekannt geben, werden vom Gesetz geschützt

Lehren aus der Geschichte
Die Geschichte der Transparenz in den USA zeigt, dass insbesondere nach großen Vertrauenskrisen der Gesetzgeber stark in die Märkte eingreift und Unternehmen zu mehr Transparenz verpflichtet. Die Geschichte zeigt auch, dass nicht-staatliche Transparenz treibende Kräfte wie Medien, Verbraucher- oder Anlegerschützer nicht ausreichen, um unethisches sowie kriminelles unternehmerisches Verhalten zu verhindern.

Die Regulierungen des Sarbanes-Oxley Act waren überfällig, doch gehen sie noch immer nicht weit genug. Derartige Regulierungsmaßnahmen allein werden auch nicht dafür sorgen, dass alle Unternehmen nur noch „das Richtige tun“. Und gesetzliche Complianceregeln sind nur der kleinste gemeinsame Nenner für gute Unternehmensführung.

Freiwillige Transparenz als strategische Option
Im Rahmen ihrer Strategieoptionen werden sicherlich immer mehr Unternehmen Normen und Regeln aufstellen und befolgen, die weit über das hinaus gehen, was das Gesetz von ihnen fordert. Sie werden über ihr unternehmerisches Handeln freiwillige Transparenz herstellen. Doch genauso werden auch künftig Unternehmen versuchen, das System zu missbrauchen und sich Vorteile zu erschleichen. Und es wird weiter schwarze Schafe geben, die das Gesetz brechen.

Worauf es langfristig ankommt, ist eine von hoher Integrität bestimmte gute Unternehmensführung (Good Corporate Governance), die weit über das Einhalten gesetzlicher Complianceregeln hinausgeht. „Today’s stakeholders expect a new kind of integrity“.

Das Essay „History’s Long Wave of Transparency“ wurde zusammengefasst und übersetzt von Jerome Ortmann.

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