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Marion Lieser, Oxfam Deutschland: „Eine der Grundvoraussetzungen für Glaubwürdigkeit ist Transparenz.“ (1/3)

6 Nov 2012

Teil 1: Ziele und Handlungsfelder von Oxfam Deutschland

Unsere Interviewserie mit Transparenztreibern geht weiter: Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland berichtet über Lobbyarbeit, politische Kampagnen und den gestiegenen Transparenzdruck.

Zum Thema Armut und Hunger in der Welt gehört Oxfam zu den wichtigsten Transparenztreibern. Ist dieser Auftrag in den letzten Jahren schwieriger oder einfacher geworden?
Beides. Durch die digitalen Medien und neuen technischen Möglichkeiten haben auch die Menschen in armen Ländern des Südens die Möglichkeit, ihre desolate Situation öffentlich zu machen und sich zu wehren. Wenn zum Beispiel Bauern in Afrika sich über aktuelle Marktpreise per SMS informieren können, so kann das ein Schutz gegen Ausbeutung durch die Aufkäufer sein,wenn ein Internet-Radio in Mittelamerika Frauen Tipps etwa zum Schutz vor häuslicher Gewalt gibt.  Auf der anderen Seite führt die Euro-Krise dazu, dassdie Europäer wieder mehr ihre Probleme und ihre Armutsängste im Blick haben. Das macht es uns nicht leichter, sozusagen „Transparenz“ über die Armut weltweit herzustellen und Aufmerksamkeit für Armutsprobleme, die sich weit weg ereignen, herzustellen. Dabei wird oft vergessen, dass die Euro-Krise schon jetzt Folgen für die Haushalte armer Staaten hat, weil die Zuwendungen aus der EU kleiner werden.

Während meines Studiums in Großbritannien, Ende der 1980er Jahre, erlebte ich hautnah die politische und gesellschaftliche Bedeutung von Oxfam im Ursprungsland. In Deutschland, so mein Eindruck, ist die Organisation erst in den letzten Jahren sichtbarer und einflussreicher geworden. Wie kam es zu dieser steilen Entwicklung?
Oxfam hat auch in Deutschland der politischen Lobby- und Kampagnenarbeit von Anfang an große Bedeutung beigemessen, sie ist der Hauptgrund dafür, warum Oxfam Deutschland 1995 entstand. Aber wir haben klein angefangen: Eine Person, die sich um die politische Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit und um Kampagnen gekümmert hat, und dann später eine Person, die Oxfam Shops aufgebaute. Wir haben uns kontinuierlich entwickelt und dabei von Anfang an auf Qualität und Seriosität gesetzt, um uns als Ansprechpartner und Informationsquelle für Medien und Politiker zu etablieren. Dabei nutzen wir auch die Informationen und Kapazitäten des internationalen Oxfam-Netzwerkes. Darüber hinaus haben wir uns den Ruf erworben, anders zu sein und unkonventionelle Kampagnenarbeit zu betreiben. Das zahlt sich nun aus. Heute sind bei Oxfam 100 hauptamtliche Mitarbeiter/innen beschäftigt, das gibt uns ganz andere Möglichkeiten. Es gibt in Deutschland keine andere Entwicklungs- und Hilfsorganisation, die prozentual so viel für politische Lobby- und Kampagnenarbeit ausgibt, wie Oxfam – das ist eines unserer Markenzeichen. Darüber hinaus arbeiten wir sehr viel in Bündnissen und kooperieren mit anderen Organisationen, wir stoßen viele Initiativen an oder koordinieren sie. Nicht zu vergessen natürlich die 42 Oxfam Shops, mit den 2500 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die nicht nur das Fundament für unsere finanzielle Unabhängigkeit sind, sondern uns auch ein Gesicht und eine Struktur in der Öffentlichkeit geben.

In ihrem Handlungsfeld Wirtschaft und Menschenrechte konzentrieren sie sich auf die beiden Kampagnen Arbeitsrechte in Unternehmen und Supermärkte. Bleibt es dabei oder kommen neue Themen dazu?
In diesem Themenfeld gibt es genug zu tun. Das Konsumverhalten der Menschen wird durch Werbung enorm manipuliert. Gemeinsam mit anderen versuchen wir gegenzusteuern, und es hat sich gezeigt: Unser Konsumverhalten kann die Bedingungen, unter denen produziert wird, beeinflussen. Die Supermarktketten haben eine entscheidende Marktmacht, weil sie über die großen Einkaufsmengen die Preise mitbestimmen. Ein aktuelles Beispiel: die Bananenproduktion in Ecuador, die wir untersucht haben. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen und in den Verpackungsbetrieben sind beklagenswert und das hängt eng mit den Exportpreisen für Bananen zusammen.

Sie sind an den Netzwerken CorA und Supermarktinitiative beteiligt. Mit jeweils mehreren Dutzend weiterer NGOs. Ein Modell der Zukunft?
Oxfam ist ein starker Verfechter der Arbeit in Bündnissen und Allianzen. Gemeinsam hat man mehr Gewicht und entwickelt mehr Schlagkraft in Verhandlungen mit Entscheidungsträgern. Aber natürlich ist die Arbeit in Bündnissen nicht nur einfach, sie erfordert mehr Zeit, man muss manchmal Kompromisse eingehen und das eigene Profil ist nicht immer so scharf zu erkennen. Trotzdem hat Oxfam ein ganz eigenes Profil und möchte dies auch in der Öffentlichkeit präsentieren.

Welche ihrer Aktivitäten wie Lobbyarbeit, Aufklärung, Mitmach-Kampagnen, Entwicklungsprojekte, Nothilfe, Shops werden künftig wichtiger?
Wichtig ist, alle diese Werkzeuge in einer integrierten Strategie – die für unterschiedliche Themen durchaus unterschiedlich ausfallen kann – zu vernetzen. Wo ist das Problem, wer sind diejenigen, die an diesem Problem etwas ändern können – das bestimmt die Lobbystrategie. Was würde die deutsche Öffentlichkeit dazu bringen, sich für dieses Problem zu interessieren und sich auch zu echauffieren – das bestimmt die Kommunikationsstrategie. Und wie können wir Kunden der Shops zum Mitmachen bewegen – das bestimmt die Herangehensweise in den Shops. Die Nothilfe kann man nicht in diesen Zusammenhang setzen. Da geht es um schnelle, effiziente Hilfe, um viele Menschenleben zu retten, etwa nach Naturkatastrophen. Aber natürlich gibt es auch viele schleichende Katastrophen, die wir immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit stellen müssen. Dass eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht genug zu essen hat, ist eine solche Dauerkatastrophe.

Wie gehen Sie mit dem gestiegenen Transparenzdruck auch auf NGOs um?
Es ist nur logisch, dass sich die Nichtregierungsorganisationen den Ansprüchen, die sie an die Politik und Wirtschaft stellen, auch selbst unterwerfen. Das größte Kapital, was die NGOs haben, ist ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Eine der Grundvoraussetzungen für Glaubwürdigkeit ist Transparenz. Insofern ist das kein Druck, sondern Konsequenz, die sich  aus der gesellschaftlichen Verantwortung ergibt. Die Transparenz schlägt sich zunächst natürlich im Jahresbericht nieder. Damit beteiligen wir uns z.B. regelmäßig am Transparenzpreis von PricewaterhouseCoopers. Unsere Arbeit wird regelmäßig Buch- und Steuerprüfern offengelegt, eine Grundvoraussetzung für die Zuerkennung des Gemeinnützigkeitsstatus. Oxfam verfügt außerdem über das sogenannte Spendensiegel, das vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen vergeben wird. Darüber hinaus ist Oxfam an der Erarbeitung von Standards zur Rechenschaftslegung und qualitätsgerechten Arbeit von Nichtregierungsorganisationen beteiligt (SPHERE, IANGO) und hat den Verhaltenskodex zu Transparenz, Organisationsführung und Kontrolle von VENRO, dem Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen, mit unterzeichnet.

Die Fragen stellte Dr. Volker Klenk.

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