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Marion Lieser, Oxfam Deutschland: „Entscheidend ist, dass Transparenz verpflichtend wird” (3/3)

13 Dez 2012

Teil 3: Unternehmerische Transparenz

Dritten und letzter Teil des Gesprächs mit Marion Lieser, Geschäftsführerin Oxfam Deutschland.

Sie unterstützen die Aktion „Transparenz Jetzt!“ und planen eine Petition an die Bundesregierung. Bisher haben 5.000 Menschen unterzeichnet. Ist das enttäuschend oder ermutigend?
Es sind mehr als 6.000, aber natürlich könnten und müssten es weitaus mehr sein. Das zeigt zunächst, dass es schwierig ist, den Zusammenhang von fehlender Transparenz und Arbeitsrechtsverletzungen zu thematisieren. Vielleicht ist ein Grund dafür ja auch der Erfolg der vielen kostenaufwendigen und oft irreführenden CSR-Initiativen von Unternehmensseite. Fast jedes große Unternehmen hat inzwischen eine CSR-Abteilung und bewirbt in Hochglanzbroschüren sein „vorbildliches“ soziales und ökologisches Engagement. In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass es mit der Transparenz gar nicht so schlimm bestellt ist. Stichworte sind hier Greenwashing beziehungsweise Whitewashing.
Außerdem sind Online-Petitionen heutzutage nichts Besonderes mehr. Wenn man – gerade bei einem schwierigen Thema – Erfolg haben will, muss man alle Register ziehen. Vielleicht haben nicht alle beteiligten Organisationen genug Dampf gemacht.

Welche Forderungen stellt Oxfam an die transparente Berichterstattung von Unternehmen?
Momentan steht es im Ermessen der Unternehmen, über welche Themen sie berichten. In vielen Fällen sparen Unternehmen die negativen Auswirkungen von Entscheidungen und Aktivitäten auf Menschen und Umwelt in ihren Berichten aus. Ein Vergleich der Menschenrechts- und Umweltperformance von Unternehmen ist nicht möglich.
Wir fordern zugängliche verlässliche und vergleichbare Daten, damit Verbraucher/innen, Anleger/innen oder Behörden ethisch-moralische Kauf-, Anlege- oder Vergabeentscheidungen treffen können. Den Verbraucher/innen wird eine verantwortungsvolle Rolle für den „moralischen“ Konsum zugeschrieben – sie müssen aber auch die nötigen Informationen erhalten, um diese Rolle überhaupt ausfüllen zu können.
Unternehmen sollten keine Hochglanzbroschüren sondern relevante Basisdaten, wie soziale und ökologische „Kernindikatoren“, veröffentlichen. Dafür müssen einheitliche Definitionen und Messverfahren festgelegt werden. Mithilfe dieser Grunddaten könnten Stakeholder und ihre jeweiligen Fachorganisationen dann Ratings und Rankings erstellen, die es ermöglichen, verantwortungsvoll agierende Unternehmen durch ein entsprechendes Nachfrageverhalten zu belohnen.
Ganz wichtig: Eine transparente Berichterstattung nach den oben genannten Kriterien darf nicht freiwillig sein, sondern muss für alle Unternehmen verpflichtend sein, gegebenenfalls mit Ausnahmeregelungen für kleine und mittlere Unternehmen.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Stakeholder-Dialogen, die von Unternehmen angestoßen werden?
Da muss man von Fall zu Fall entscheiden. Wenn auf der anderen Seite wirklich Bereitschaft besteht, an bestehendem Verhalten etwas zu ändern, so sind wir dazu gerne bereit. Wenn solche Kreise aber nur dazu dienen, unsere knappen Ressourcen möglichst lange und aufwendig zu binden, müssen wir schnell aussteigen. Nach ein, zwei Treffen hat man da meist ein gutes Gespür.

Welche Erfahrungen machen Sie in der Zusammenarbeit mit Unternehmen?
Wir arbeiten mit Unternehmen nur im Rahmen des Sponsorings zusammen. So zum Beispiel bei unserem Spendenlauf Oxfam Deutschland Trailwalker. Da gibt es ganz klassische Sponsoring-Verträge. Zudem stellen viele Firmen Teams für diesen Lauf auf. Sonst gibt es keine vertraglichen Kooperationen, da das die Unabhängigkeit gefährden würde.
Zusammenarbeit ist ein dehnbarer Begriff. Wenn Sie unsere Kampagnen gegen bestimmte Politiken von Unternehmen als Zusammenarbeit betrachten, dann gibt es durchaus unterschiedliche Erfahrungen. In aller Regel gibt es immer Reaktionen, das zeigt übrigens, dass man ernst genommen wird. Im besten Fall ändern die Unternehmen ihre Politik, dies ist aber ein langwieriger Prozess. Oft ist es auch so, dass man uns bestimmte gemeinsame Projekte anbietet, aber vom eigentlichen Kernanliegen ablenken will. Einzelne soziale Projekte zu unterstützen, ist leichter, als grundlegende strukturelle Änderungen in Angriff zu nehmen. Dies können wir natürlich nicht annehmen. Für die Zusammenarbeit oder sagen wir besser für die Interaktion mit Unternehmen gibt es übrigens festgelegte Kriterien und Regeln, nach denen wir uns richten. Dadurch gehen uns oft auch größere Spendensummen verloren, aber das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man glaubwürdig bleiben will.

Würden Sie gerne häufiger im offenen Dialog mit Unternehmen an konkreten Lösungen arbeiten?
Wie bereits erwähnt: Wenn ernsthafte Bereitschaft besteht, ja. Allerdings sehen wir uns nicht als „Berater“ für Unternehmen. Und wir wollen natürlich nicht, dass Unternehmen mit unserem Namen Greenwashing betreiben.

Welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein?
Wenn, dann sollte der Dialog möglichst mit mehreren Stakeholdern, NGOs, Gewerkschaften, Verbraucherverbänden stattfinden.

Es gibt immer mehr Nachhaltigkeitspreise und -indizes. Unternehmen schmücken sich damit gerne. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Preise können natürlich ein Anreiz für Unternehmen sein, nachhaltig zu handeln. Unserer Meinung nach ist es trotzdem grundsätzlich nicht die richtige Herangehensweise, da Preise das Engagement einzelner hervorheben und von der Notwendigkeit von für alle Unternehmen gültigen gesetzlich verbindlichen Pflichten ablenken. Nichts gegen Preise, aber in einer Situation, wo es schlicht um fehlende Regeln, Vorschriften und Gesetze geht, sind sie nicht das Allheilmittel.

Ihr Eindruck: Ist bei Unternehmen zunehmend „nachhaltig“ drin wo „nachhaltig“ draufsteht?
Das kann man nicht generalisieren. Zunächst einmal ist jede Produktion mit dem Verbrauch von Ressourcen und damit mit einem ökologischen Fußabdruck verbunden. Nachhaltiger Konsum kann daher für uns auch einer sein, der nicht stattfindet.
Einige Unternehmen bemühen sich ernsthaft und treten glaubwürdigen Multistakeholder-Initiativen bei, aber die Mehrzahl der Firmen beschäftigt sich noch nicht oder nicht ausreichend mit Nachhaltigkeit. Es gibt immer noch viele Unternehmen, deren Kerngeschäft nicht nachhaltig ist – das kann auch durch einzelne CSR-Projekte nicht geändert werden. Die Unterstützung einzelner sozialer Projekte darf zum Beispiel nicht über das dauerhafte Abfackeln von Gas, wie bei der Ölförderung, die Verschmutzung von Böden und Wasserläufen mit Öl oder Schwermetallen oder die nachhaltige Zerstörung von ganzen Landstrichen bei der Ölförderung aus Teersanden hinwegtäuschen.

Wächst Ihrer Ansicht nach die Anzahl der Unternehmen, die eine belastbare Transparenzstrategie verfolgen?
Hier ist es ähnlich wie beim Thema Nachhaltigkeit: Einzelne Unternehmen sehen die Notwendigkeit und berichten transparent, andere sind weit davon entfernt und legen ausschließlich gesetzlich geforderte finanzielle Daten offen.
Dennoch, der Trend zur Transparenz wächst, nicht zuletzt auch wegen des Drucks, den Nichtregierungsorganisationen versuchen aufzubauen. Die Unternehmen können sich dem immer weniger verschließen. Entscheidend ist, dass Transparenz nach einheitlichen Kriterien verpflichtend wird. Die EU schlägt Berichtspflichten vor, Deutschland blockt solche Vorschläge bislang aber ab.

Welche Unternehmen sind aus Ihrer Sicht vorbildlich transparent?
Wir geben diesbezüglich keine Empfehlungen zu einzelnen Unternehmen ab. Wir begrüßen es, wenn Unternehmen sich bei der Berichterstattung nach international etablierten Leitfäden wie der Global Reporting Initiative oder ISO 26.000 richten und diese Informationen für die Öffentlichkeit bereitstellen.

Die Fragen stellte Dr. Volker Klenk.

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