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Produktrückrufe: Durchblick für den Verbraucher

17 Jul 2015

Was haben die „Klare Gemüsebrühe“ von Maggi, die „Pill XL“ Lautsprecher von Beats und die „Rollatoren“ des Discounters Aldi Nord gemeinsam? Auf Anhieb nichts. Jedoch konnten die aufgezählten Produkte eine akute Gesundheitsgefährdung darstellen. Daher gab es zu allen drei Produkten in der Vergangenheit Rückrufe: (www.maggi.de; www.apple.com; www.aldi.html) Der Konsum oder die Nutzung konnten schwerwiegende Folgen mit sich bringen: Verletzungen durch Glassplitter, Überhitzungsgefahr mit Brandrisiko und Sturzgefahr durch einen einreißenden Rückengurt.

Wie, nicht mitbekommen?

Keine Einzelfälle. Allein in Deutschland werden jährlich 600-700 Produkte zurückgerufen, mit steigender Tendenz. Viele von ihnen stellen ein ernstes Risiko für die Sicherheit und Gesundheit von Verbrauchern da. Nicht mitbekommen? Das ist keine Überraschung, denn: Viele Verbraucher bekommen trotz Rückrufaktionen der Hersteller nichts mit.

Vom Betroffenen zum Produktfahnder

Man(n) erfährt nichts. So erging es auch Gert Kretschmann aus dem Münsterland. Völlig unerwartet stieg beim abendlichen Fernsehschauen beißender Rauch aus seinem Fernsehgerät. Durch schnelle Reaktion konnte Schlimmeres verhindert werden. Auf Nachfrage beim Hersteller erfuhr Kretschmann, dass es für den Fernseher mit einer defekten Lötstelle bereits eine Rückrufaktion gab – von der er im Vorfeld noch nie gehört hatte. Ein einschneidendes Erlebnis, dass ihn zur Gründung des Rückruf-Portals für Deutschland veranlasste. Das war bereits 2007.

Produktrückrufe per Klick

Produkt Rückruf PortalGert Kretschmann ist damit einer von vielen Transparenz-Treibern, die über eine einzigartige Onlineplattform Sichtbarkeit schaffen – für einen sehr spezifischen Problembereich. Eine Sichtbarkeit, die manchem betroffenen Hersteller nicht so wirklich recht ist. Denn jeder Rückruf kratzt auch an der Reputation einer Marke. Daher wird bei vielen Rückrufen nur den nötigsten Meldepflichten nachgekommen, aber nichts darüber hinaus – oder mit Tricks wie fingierten Pressemitteilungen oder versteckten Internetseiten.

Kretschmann schafft diese zusätzliche Öffentlichkeit. Auf seiner Website werden alle Informationen zu Rückrufaktionen und Produktwarnungen übersichtlich aufgeführt. Wohl geordnet in diversen Kategorien: Von A wie Arzneimittel bis hin zu W wie Werkzeug. Ergänzt werden die Meldungen mit den wichtigsten Hinweisen für den Verbraucher, ohne übliche und oftmals verwirrende oder verharmlosende Floskeln

Darüber hinaus werden Verbraucherfragen beantwortet: Wie erkenne ich, ob mein Produkt möglicherweise gefährlich ist? An wen kann ich mich bei eventuellen Rückfragen melden? Oder wie zeigen sich auftretende Krankheitssymptome, die durch den Verzehr ausgelöst wurden? Dabei beschränken sich die Warnungen nicht nur auf Deutschland. Auch finden Onlineshopper und Grenzgänger Warnungen für die deutschen Nachbarländer.

Digitaler Pranger?

Definitiv nein. Es geht Gert Kretschmann nicht darum, den Ruf eines Unternehmens oder dessen Produkten zu beeinträchtigen. Vielmehr geht es um die Sicherheit der Verbraucher und eine Hilfestellung für Unternehmen, Informationen an betroffene Konsumenten zu transportieren. Dafür recherchiert er täglich im Internet nach neusten Warnungen: in Pressemeldungen, Blogs und Foren, bei deutschen und europäischen Behörden sowie amerikanischen und australischen Verbraucherschutzeinrichtungen. Oftmals greift er auch zum Telefon und fragt sich durch. Veröffentlich werden nur rein sachliche Informationen, die Hand und Fuß haben.

Gelegentlich nutzen Unternehmen das Portal als Kanal für freiwillige zusätzliche Transparenz und um ihre Produktverantwortung unter Beweis zu stellen. Laut der deutschen Gesetzgebung (§ 26 ProdSG) ist ein Produktrückruf in der Regel nur bei ernsten Risiken für Sicherheit und Gesundheit von Personen vorgesehen. Dennoch initiieren Hersteller durchaus freiwillige Rückrufe, wenn zum Beispiel die Kundenzufriedenheit mit dem Produkt oder die positive Wahrnehmung der Marke gefährdet ist.

Dazu gehört zum Beispiel der Kinder- und Babyhersteller Lässig, der im Oktober vergangenen Jahres freiwillig das Naturkautschuk Rehkitz „Lela“ zurückrief. Bei behördlichen Folgeuntersuchungen wurden abweichende Werte nitrosierbarer Substanzen gemessen, die deutsche Grenzwerte übersteigen, jedoch nicht gesundheitsgefährdend sind. Dennoch entschied sich der Hersteller zu einer freiwilligen Rücknahme des Produktes und ließ dies auch über das Rückrufportal veröffentlichen.

„Da werden Sie geholfen!“

Täglich wenden sich verunsicherte Verbraucher an Kretschmann, die bei Nahrungsmitteln oder anderen Konsumgütern gefährliche Produktmängel entdecken und nicht weiter wissen. Kretschmann empfiehlt dann – abhängig von Produkt und möglicher Gefährdung -, sich an den Händler zu wenden oder gar den direkten Gang zur Behörde. Aber welche ist zuständig? Damit sind die meisten Verbraucher schlichtweg überfordert, zumal das von der Art des „Corpus Delicti“ und der Aufbauorganisation der Marktüberwachung des jeweiligen Bundeslandes abhängig ist. Auch hier hilft der Betreiber des Rückrufportals.

Rückrufportal vs. Internetseiten der Behörde

Alles an einem Ort. Anders als auf dem Rückrufportal sind die Meldungen der öffentlichen Behörden auf zahlreiche Internetseiten verteilt – nach fachlicher und/oder regionaler Zuständigkeit. Da brauchen Verbraucher ein erhebliches Maß an Ausdauer, um sich zu informieren. Zudem punktet das Portal mit einem umfangreichen Archiv und einer komfortablen Suchmöglichkeit, auf die Verbraucher auch lange nach der akuten Gefahrenmeldung zurückgreifen können. Wer kann denn ausschließen, dass ein bereits abgelaufenes Lebensmittel mit einer potenziellen Gesundheitsgefährdung nicht noch in irgendeinem Küchenschrank lauert?

Rückrufportal kommt an

Mehrere Tausend Besucher klicken täglich das Produktrückrufportal an – und es werden immer mehr. Aufgrund der starken Nachfrage gibt es mittlerweile auch Informationen via Social Media bei Facebook und Twitter.

Noch schneller und einfacher funktioniert es mit einer „Rückruf-App“ und dem Kurzmeldedienst WhatsApp. Beide Angebote informieren zeitnah zum Bekanntwerden neuer Rückrufaktionen per Push-Nachricht, im Fall der Apple-App sofort mit allen wissenswerten Details. Victoria Rieß

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5 Kommentare

  • Vanessa

    Mir ist sowas auch schon einmal passiert. Da kauft man ein Produkt und kurz darauf findet man es im Laden nicht mehr. Ich finde, dass das Rückruf-Portal eine tolle Idee ist, um künftig auf dem aktuellen Stand zu sein. Toller Artikel!

  • Carolin Seelow

    Das ist ein super Projekt! Wäre der Beerenmix von Aldi vor ein paar Wochen nicht nur von Aldi Nord zurückgerufen worden, sondern auch von Aldi Süd, hätte mich die Nachricht des Rückrufs auch zu spät erreicht. Die Meldung irgendeines Produktrückrufs habe ich glaube ich bisher max. 3 mal in meinem Leben erhalten bzw. mitbekommen. Das ist unglaublich und darf eigentlich nicht sein. Tolles Projekt, weiter so!

  • Aida

    Nicht schlecht! Weiter so!

  • Anna

    Echt spannend, ich hab bisher von Rückrufen nur durch Zettel an der Kasse erfahren…aber ich glaube, dass ich trotz App oder Website nicht regelmäßig auf Verdacht nach Rückrufen suchen würde. Trotzdem ein gutes Projekt!

  • Rebecca

    Klasse Idee auf jeden Fall, ich denke, es würde sich auch lohnen, diese Seite größer aufzuziehen. Schließlich betreffen solche Rückrufe uns alle!

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