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Prof. Jochen Pampel: „Die interessierte Öffentlichkeit honoriert Transparenz“

1 Okt 2012

Transparenz ist einer der am häufigsten benutzten Begriffe im Diskurs über unternehmerische Nachhaltigkeit. Georg Lahme, Partner der Klenk & Hoursch AG, sprach mit Prof. Dr. Jochen Pampel, Head of Sustainability Services bei KPMG, über den Reifegrad der Nachhaltigkeitsberichterstattung deutscher Unternehmen und die Anforderungen an ein transparentes Reporting.

Herr Professor Pampel, im KPMG-Handbuch zur Nachhaltigkeitsberichterstattung werfen Sie einen sehr genauen Blick auf die Transparenz der Transparenz: Wie transparent sind die Nachhaltigkeitsberichte der deutschen Unternehmen tatsächlich?
Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist natürlich ein breites Feld, weil sie fast überall freiwillig erfolgt. Entsprechend ist auch die Gestaltung erst einmal frei. Handelsrechtliche Verpflichtungen gibt es in Deutschland nur, wenn bestimmte Umweltrisiken oder andere Nachhaltigkeitsrisiken so bedeutsam sind, dass sie als relevant für den Geschäftsverlauf in den Lagebericht aufzunehmen sind. Statt der zu befürchtenden großen Heterogenität gibt es im Nachhaltigkeitsreporting aber bereits eine starke Standardisierung. Die kommt interessanterweise aus der Anwendung des globalen Standards der Global Reporting Initiative (GRI). 80 Prozent der 250 weltweit größten Unternehmen wenden diesen Standard an. Auch unter den DAX 30, von denen derzeit 28 systematisch über Nachhaltigkeit berichten, ist der Standard der GRI sehr verbreitet – 89 Prozent orientieren sich daran. Auch die 100 größten deutschen Unternehmen reporten ganz überwiegend (68 Prozent) nach GRI.

Wie transparent ist man denn damit?

Wer die GRI-Kriterien anwendet, muss das Nachhaltigkeitsthema schon umfassend abarbeiten. Unternehmen sind dabei gleichzeitig auch gefordert, die Selektion der Themen und die Schwerpunktlegung aufgrund einer Materialitätsanalyse und einer Analyse der Stakeholder-Anforderungen vorzunehmen. Geschieht das, kann man davon ausgehen, dass die so entstandenen Berichte die mit dem Geschäftsmodell einhergehenden Schwerpunkte abdecken.

Ist es nicht doch so, dass die großen Konzerne mit den großen Berichten und den sehr professionellen Kommunikationsabteilungen es schaffen, in den Nachhaltigkeitsrankings sehr weit vorne zu sein, wohingegen die Stakeholder deren Nachhaltigkeitsperformance eher kritisch sehen?
Die Anforderungen an Nachhaltigkeit stellen sich natürlich für jedes Geschäftsmodell unterschiedlich. Letztlich geht es darum, wie nachhaltig ein Konzern sein Geschäft betreibt. Und wenn der große Konzern nach den Regeln der GRI vorgeht und das Unternehmen sich das Ergebnis möglicherweise auch noch extern bestätigen lässt, dürfen wir schon davon ausgehen, dass tatsächlich eine entsprechende Transparenz geschaffen wird.

Nicht immer kommen die in Rankings am besten bewerteten Berichte auch von den nachhaltigsten Unternehmen. Wird im Prozess der Berichtserstellung nicht doch viel geschönt, verwässert und ausgelassen? Wo müssen die Berichtschreiber aus Sicht des Prüfers besser werden?
Das Stichwort ist Selbstbeschränkung. Die Kommunikatoren sollten den Fokus legen auf das, was ein Unternehmen nachhaltig macht. Daher sollten die nüchternen Zahlen und Fakten des Kerngeschäfts im Vordergrund stehen.

Die Zahl der Berichte steigt von Jahr zu Jahr drastisch. Wie steht es um die Qualität der Aussagen und Inhalte? Steigen auch die Standards und die Vergleichbarkeit der Berichte?
Beides. Einerseits haben wir insgesamt eine höhere Anzahl von Berichten. Das bedingt immer auch, dass es Erstberichte gibt, mit denen ein Lernkurvenverlauf gestartet wird. Und dann gibt es noch eine große Anzahl von Berichten, die noch nicht den ganz hohen Entwicklungsgrad erreicht haben.

Betrachtet man einzelne Unternehmen, stellen wir durchaus fest, dass die Berichte tatsächlich von Jahr zu Jahr besser werden. Das erfolgt einerseits über das Berücksichtigen von entsprechender Kommentierung und Resonanz aus dem interessierten Kreis, aber auch durch die Verbesserung der Informationsgewinnung und der Verarbeitungsprozesse. Wir beobachten auch einen Trend zur externen Überprüfung der Nachhaltigkeitsberichte, so dass auch Know-how von Prüfungsgesellschaften und Feedback aus den Prüfungen mit in die weitere Verbesserung der Berichterstattung einfließen.

Der bereits angesprochene GRI-Standard sorgt genau wie Ratings und Rankings bereits heute für eine gewisse Vergleichbarkeit.

Auch Sie als Prüfer empfehlen den Unternehmen grundsätzlich, sich an GRI zu orientieren?

Ja. Es ist doch bemerkenswert, wie sich dieser Standard entwickelt. Anders als etwa im Rechnungswesen, wo man über Jahrzehnte – eigentlich Jahrhunderte – in mühsamen und nach wie vor nicht vollkommen abgeschlossenen Prozessen an der Internationalisierung nationaler Normen arbeitet, findet im Nachhaltigkeitsbereich gerade der umgekehrte Prozess statt. Ein international definierter Standard setzt sich überall weltweit national durch. Das spricht übrigens auch dafür, dass Nachhaltigkeit ein globales Thema ist.

Und es spricht auch dafür, dass das Thema Nachhaltigkeit so schnell nicht wieder weggeht. Im Juli 2012 haben Sie festgestellt, dass knapp 90 Prozent der 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen über Nachhaltigkeitsaspekte berichten – und bereits einen hohen Reifegrad erreicht haben. Erhöht das den Druck auf große Mittelständler und inhabergeführte Unternehmen? Ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung ein Transparenztreiber auch für den ansonsten nicht reportingfreudigen Mittelstand?
Ja, die großen mittelständischen Unternehmen setzen sich derzeit intensiv mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung auseinander und entwickeln dieses Aktivitätsfeld aus verschiedenen Gründen weiter. Die mittelständischen Unternehmen arbeiten häufig mit den großen Industrieunternehmen zusammen und müssen schon allein deswegen für das Thema Nachhaltigkeit eine gemeinsame Sprache finden. Die Nachhaltigkeit der großen OEM (Original Equipment Manufacturer) beispielsweise besteht zum großen Teil in der Nachhaltigkeit ihrer Zulieferer. Große mittelständische Unternehmen, die sich im Retailbereich engagieren, sind im besonderen Maße gefragt, Anforderungen ihrer Kunden zu erfüllen.

Außerdem nimmt das Interesse an der Nachhaltigkeitsaufstellung eines Unternehmens an den Kapitalmärkten zu. Auch dann, wenn ein Unternehmen nicht börsennotiert ist, muss es möglicherweise für Fremdkapitalfinanzierung bestimmte Nachweise erbringen.

Nachhaltigkeitsberichterstattung ist für viele Traditionsunternehmen der Einstieg in die umfassende Veröffentlichung von Firmendaten. Viele tun sich beim Festlegen der Berichtsinhalte und -grenzen schwer. Auf dem Weg zum ersten Report lassen ganze Führungsteams in den Unternehmen die Köpfe rauchen. Es treffen unterschiedliche Zielsetzungen und Kommunikationsphilosophien aufeinander. Diese Prozesse sind oft langwierig und ressourcenintensiv – und nicht selten emotional. Woran liegt das?
Wenn Manager der ersten Reihe sich stundenlang zusammensetzen und wie Sie das so schön sagen, die Köpfe rauchen, dann ist das zu begrüßen. Sie setzen sich dann sehr intensiv mit Nachhaltigkeit auseinander. Und gerade das zeichnet mittelständische Unternehmen ja aus. Unternehmen, die seit 150 Jahren erfolgreich sind, brauchen nicht zu beweisen, dass sie zumindest in der Vergangenheit nachhaltig waren. Und deswegen tun sie sich vielleicht auch etwas schwerer. Sie sind nachhaltig, Nachhaltigkeit ist stark verankert in der Kultur und stark verankert im Handeln der Eigentümer – es wird aber nicht darüber berichtet.

Diese Einstellung wird nun mit einem Transparenzanliegen der Gesellschaft konfrontiert. Kunden und Geschäftspartner verlangen zunehmend nach mehr Information und zwingen Unternehmen, sich zu fragen: „Wie nachhaltig sind wir eigentlich? Wie wichtig ist es für uns, Transparenz zu schaffen? Müssen wir etwas tun?“

Viele Unternehmen stellen dann fest, dass sie sich in ihren Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten tatsächlich sehr nachhaltig aufgestellt haben. Sie stellen dann auch fest, dass sie diese Nachhaltigkeit mit einer gewissen Leichtigkeit dokumentieren können und dass sie viel Positives zu berichten haben.

Gibt es aus der Tradition kommend nicht hin und wieder den Reflex, über die guten Dinge berichten zu wollen, und die Schlechten auszulassen? Was können Sie denn den Unternehmen mit auf dem Weg geben?
Transparenz zu schaffen, heißt eben auch den aktuellen Stand realistisch wiederzugeben. Genau das honoriert die interessierte Öffentlichkeit. Es ist überzeugender, Entwicklungspotenziale und bestehende Lücken aufzuzeigen und die geplanten Maßnahmen darzustellen, als oberflächlich zu behaupten, dass alles in Ordnung ist.

Nehmen sich die Unternehmen beim Einstieg ins Reporting zu viel vor? Liegt die Latte zu hoch?
Viele schauen sich zuerst die sehr umfassenden, ausgetüftelten Berichte der großen Unternehmen an und wollen das dann sofort auch so machen. In der Erstanalyse merken sie dann, dass doch Einiges an Struktur, Prozessen, aber auch an Auskunftsbereitschaft dazugehört und nähern sich dem Thema eher zögerlich. Beim Einstieg in das eigene Reporting sind viele dann überrascht, wie weit sie auf Anhieb kommen.

Es empfiehlt sich für Erstberichterstatter, einen Bericht nach GRI anzustreben, nicht allzu hohe Ziele zu setzen, nicht gleich die höchste Stufe für sich einzufordern und dann sukzessive in die Validierung durch Externe einzusteigen. Dafür kann man sich durchaus einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren nehmen, um die höchste Einstufung nach GRI und die Validierung der relevanten Anteile zu erreichen.

Wann und wo im Nachhaltigkeitsprozess sollten Prüfer eingebunden werden?
Der Prüfer fällt sein Urteil am Ende unabhängig. Der beste Weg ist, die Prüfungsanforderungen frühzeitig abzufragen und mit einzubeziehen. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist auf Transparenz und Vertrauen aufgebaut. Wenn besonders relevante Kennzahlen validiert werden und die Angaben von einem Prüfer bestätigt werden, stärkt das Vertrauen.

35 Prozent der Nachhaltigkeitsberichte der 100 umsatzstärksten Unternehmen erschienen 2011 mit einer Prüfbescheinigung. Wann wird externe Prüfung die Regel sein für Nachhaltigkeitsberichte?
Der Trend geht zur integrierten Berichterstattung. Langfristig ist davon auszugehen, dass sämtliche Berichte geprüft sein werden, vor allem, wenn die Berichterstattung verpflichtend wird.

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