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Transparenz bei Aldi (Süd)

28 Jan 2013

Die Überschrift kann nicht stimmen. Oder? Gilt der Discounter doch als der Inbegriff für Intransparenz. Was weiß man schon über den Handelsriesen, über seine Unternehmenspolitik oder über die Inhaberfamilien? Eben, fast nichts.

Erfolg trotz Intransparenz?
In Vorträgen und Diskussionen, in denen ich die möglichen Vorzüge des Erfolgsfaktors Transparenz beschreibe, kommt meist irgendein Skeptiker mit dem Gegenbeispiel Aldi. Die seien doch extrem erfolgreich trotz ihrer fast legendären Intransparenz. An dieser Stelle müssen dann Missverständnisse geklärt werden:

1. Ein vorbildlich transparentes Unternehmen kann furchtbar erfolglos sein. Transparenz kann ein Erfolgstreiber sein, aber natürlich ersetzt er nicht schlechtes Management und korrigiert auch keine verfehlte Unternehmensstrategie.
2. Es gibt viele intransparente gescheiterte Unternehmen, z.B. Schlecker. Ein intransparentes Unternehmen kann aber auch, wie Aldi, überaus erfolgreich sein. Die entscheidenden Fragen lauten: Gilt dies auch noch morgen und übermorgen? Welchen Preis zahlt das Unternehmen für seine Intransparenz? Könnte es mit einem mehr an freiwilliger Transparenz noch erfolgreicher sein?

Aldi selbst redet von Transparenz
Für Aldi gilt: Der Discount-Riese ist längst nicht mehr so intransparent wie noch vor wenigen Jahren. Meine These ist jedoch: Ganz viele, die das wissen sollten, haben das noch gar nicht mitbekommen. Grund: Pro-aktive Kommunikation sucht man weiterhin vergebens. Auf der Website von Aldi Süd gibt es freilich inzwischen unter der Rubrik Unternehmen Einblicke in Themen wie Philosophie, Klimaschutz, Compliance, Sozialstandards oder eine seit 2010 geltende Richtlinie für verantwortungsvolle Unternehmensführung (CR-Policy).

Sogar das Igittigitt-Wort Transparenz kommt zum Einsatz. Zum Beispiel im Zusammenhang mit der eigenen Fischeinkaufspolitik („Transparente Kommunikation“). Besonders überraschend: Die eigene Unternehmenskultur sei geprägt von Transparenz.

Jetzt könnte man einwenden, dass man auf Wikipedia noch immer deutlich mehr über Aldi erfährt als auf der Firmenwebsite. Man kann aber auch den Eindruck gewinnen, dass sich bei Aldi einiges verändert hat. Wäre das nicht schön? Wir möchten doch eigentlich, dass Aldi ein tolles, verantwortungsvolles Unternehmen ist. Wir möchten ihm vertrauen und guten Gewissens dort einkaufen.

Tue Gutes und rede nie darüber
Aber warum verschweigt es uns sein gesellschaftliches Engagement? Laut Süddeutsche Zeitung vom 25. Januar 2013 unterstützt Aldi Süd über Stiftungen seit Jahren mit Millionenbeträgen soziale Einrichtungen im Bereich frühkindlicher Bildung. Das Aldi-typische daran: Die geförderten Einrichtungen dürfen nicht darüber reden. Und das Unternehmen will auch nicht. Die Geheimniskrämer aus Mühlheim an der Ruhr bieten damit den Stoff für eine echte „Enthüllungsgeschichte“. Das ist einfach anachronistisch.

Kunden zu Fans machen
Das Unternehmen hat hierzulande Millionen zufriedener Kunden. Natürlich auch weil Aldi so günstig anbietet, aber nicht nur. Doch wie viele Deutsche sind echte Fans der Marke? Ich bin sicher: In der Marke steckt noch richtig viel Potenzial, das mit einer gezielten Öffnung zu relevanten Themen gehoben werden kann. Als verschlossene Auster kann dies jedoch nicht gelingen.

Interessant: Aldi UK hat längst eine Facebook Fanpage mit rund 140.000 Fans. Auch das ein Hinweis darauf, dass in der Handelsgruppe Intransparenz kein eisernes Gesetz mehr darstellt.

Personale Transparenz
Irgendwie weiß man nicht so recht, woran man ist. Was man nun glauben soll. Ob man dem Unternehmen ruhigen Gewissens vertrauen soll, oder ob Misstrauen weiter angebracht bleibt. Wie soll man all diese Zeichen deuten. Warum muss man sie deuten? Warum stellt sich nicht endlich ein Mensch vor die Öffentlichkeit und erzählt uns spannende, authentische Aldi-Geschichten?

Mein Partner Daniel Hanke hat vor einigen Jahren auf die Bedeutung von organisatorischer Transparenz hingewiesen. Kunden, Noch-Nicht-Kunden, zukünftige Mitarbeiter und andere Stakeholder wollen nachvollziehen können, wer die Richtung vorgibt, wer verantwortlich ist und für welche Werte und Ziel einsteht. Wir wollen wissen, wem wir vertrauen können. Leider kennen wir aus diesem Handelsunternehmen niemanden, dem wir vertrauen können. Schade. Ich bin überzeugt, dass auch eine solche Öffnung den Erfolg des Unternehmens weiter beflügeln könnte.

Wir werden sehen, wie sich die nächste Generation von Inhabern zu diesen Themen stellt.

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